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Dschihad

„Heiliger Krieg“ oder „die aufrichtige Anstrengung auf dem Weg Gottes“: Der Begriff belastet das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen seit der Entstehung des Islams. Muslime haben ihn in ihrer Geschichte sehr unterschiedlich gedeutet und angewendet. Heute dient Dschihad islamistischen Gruppen zur Legitimation ihres weltweiten Terrors, der zu einem islamischen Staat führen soll, wobei die Fragen, wie ein islamischer Staat auszusehen habe und unter wessen Führung er stehen solle, gerade auch unter Dschihadisten hoch umstritten ist und oft zu blutigen Kämpfen untereinander führt.

Zwei Extreme im Koran

Dschihad bedeutet „Anstrengung, Bemühen, Kampf“, im ursprünglichen Sinne vor allem die Anstrengung, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Im Koran steht der Begriff an vier Stellen

(Sure 25: 52; 22:78; 9:24; 60:1)

Hinzu kommen verschiedene Verbformen. Insgesamt sind es 35 Stellen.

In der Auslegungstradition werden die frühen Suren der mekkanischen Zeit mit dem moralischen Ringen des Gläubigen um eine gottgefällige Lebensweise verbunden.

(Quelle: Encyclopaedia Islamics 2, Artikel: Djihad)

„Und kämpft um Gottes willen gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen! Aber begeht keine Übertretung (indem ihr den Kampf auf unrechtmäßige Weise führt)! Gott liebt die nicht, die Übertretungen begehen (Sure 2: 190).

Doch nach dem Auszug des Propheten Muhammads nach Medina (hijra) steigt die Zahl der Stellen an, in denen Dschihad eindeutig den bewaffneten Kampf bezeichnet. Folgende Sure gilt vielen Auslegern als die erste, in der der Prophet zum bewaffneten Kampf aufruft.

„Diejenigen, die (gegen die Ungläubigen) kämpfen (so nach einer abweichenden Lesart; im Text; die bekämpft werden) ist die Erlaubnis (zum Kämpfen) erteilt worden, weil ihnen (vorher) Unrecht geschehen ist. – Gott hat die Macht ihnen zu helfen (Sure: 22:39-40).

Großer und kleiner Dschihad

Diese Spannung zwischen „Bemühen und Kampf“ werden im islamischen Rechtswissenschaft (fiqh) durch zwei Konzepte ausgedrückt: den „große Dschihad“ (djihad al-akbar), in dem es um „die Anstrengung auf dem Weg Gottes“ (arab.: djihad fi sabil Allah) geht. Seine Bedeutung wird besonders von al-Ghazali (gest. 1111) hervorgehoben. Und der „kleine Dschihad“ (djihad al-asghar), der Kampf und Kriege erfasst.

(Quelle: Halm 2000, S. 87; Hashimi 2004, S. 377)

Der „kleine Dschihad“ wird in der islamischen Rechtswissenschaft (fiqh) zum zentralen Begriff, wenn es um die Interpretation des bewaffneten Kampfes geht. Mit ihm wird die Erweiterung des islamischen Gebietes und die Verteidigung begründet. Zentral sind folgende Prinzipien des islamischen Kriegsrechtes aus sunnitischer Rechtstradition:

(Quelle: EI 2, Artikel Djihad)

Jegliche bewaffneten Konflikte unter Muslimen sind verboten.

Der Dschihad endet erst mit der völligen Unterwerfung der gesamten Welt, wenn notwendig auch mit Gewalt. Die Welt ist aufgeteilt in das „Haus des Islams“ (Dar al-Islam) und das „Haus des Krieges“ (Dar al-Harb), das alle nicht-muslimischen Regionen umfasst.

Der Dschihad ist für Muslime verpflichtend, doch in welcher Weise und in welchem Fall er eintritt, dafür findet man unterschiedliche Bedingungen und Abstufungen in der Rechtsliteratur: z.B. gemeinschaftliche Verpflichtung (fard al-kifaya) oder persönliche (fard al-ayn). Deutlich wird jedoch der offensive Charakter als Eroberungskrieg, nicht nur der Verteidigungsfall.

Friedensverträge mit nicht-muslimischen Staaten haben nur vorläufigen Charakter (Dar al-Sulh). Sie dürfen nur dann abgeschlossen werden, wenn daraus Vorteile für eine zukünftige Ausdehnung des islamischen Reiches resultieren.

Unterworfene Nicht-Muslime müssen unter Androhung des Todes oder der Sklaverei konvertieren. Ausgenommen sind Besitzer der „Buch-Religionen“, wie Christen und Juden, wenn sie bereit sind, den Status als Schutzbefohlene (dhimma) zu akzeptieren und bestimmte Steuern zahlen.

Dschihad in der Praxis der islamischen Geschichte

Bereits während der Frühzeit des Islams brachen Kämpfe unter Muslimen aus. Die Kämpfe zwischen Umayyaden, Schiiten und Abbasiden werden daher in den Quellen selten mit Dschihad bezeichnet. Für diese Kriege steht der arabische Begriff für gewaltsamen Konflikt bzw. Krieg (qital, muqtal). Schiiten interpretieren dagegen ihre innermuslimischen Kämpfe mit Sunniten als Dschihad, da sie Kämpfe gegen den Unglauben seien (kufr; takfir).

(Quelle: EI 2, Artikel Djihad)

Eine starke Motivation für die schnelle Expansion des frühislamischen Reiches war die Doktrin des Dschihad mit ihrem Versprechen auf eine Belohnung im Paradies.

(Quelle: Sahih Bukhari, Bd. 4, Buch 52, Nr. 44, 53)

Ähnliches gilt für die Expansion des Osmanischen Reiches im 16. und 17. Jh., das wie das Moghul-Reich und das Dehli-Sultanat Dschihad als Staatsdoktrin vertrat.

(Quelle: Lohlker 2009, S. 14-20)

Auch während der Kreuzzüge wird Dschihad als Doktrin genutzt. Die Seldschuken unter Immadaddin Zangi (gest. 1146) und seinem Nachfolger Nuraddin (gest. 1174) mobilisierten Truppen aus der gesamten islamischen Welt. Und schließlich nutzte auch Saladin (gest. 1193) den Aufruf zum Dschihad und gewann Jerusalem zurück.

(Quelle: Endress 1991, S. 209-210)

Bedeutend wird der Aufruf zum Dschihad erneut im Kampf gegen die europäische Kolonialisation in zahlreichen islamischen Gebieten. Von 1824 bis 1883 versuchen z. B. die Anhänger der Tariqa-yi muhammadi in den Sikh-Gebieten Nordwestindiens die islamische Bevölkerung zu einem Aufstand zu bewegen.

Einen ganz anderen Weg schlägt dagegen der indische Reformer Sir Sayyed Ahmad Khan (gest. 1898) ein. Er versucht, nach dem gescheiterten Aufstand von 1857 und den Strafaktionen der Briten gegen indische Muslime zu vermitteln. Um ein friedliches Zusammenleben der indischen Muslime unter britischer Herrschaft zu ermöglichen, interpretiert er Dschihad neu: Das Leben unter einer nicht-islamischen Regierung ist kein Grund für den Dschihad, wenn diese Regierung das Glaubensleben nicht behindert.

(Quelle: Steinbach, Ende, 1989, S. 113-115)

Auch abseits vom Kampf gegen den Kolonialismus wird Dschihad als Kampfdoktrin wiederbelebt. Auf der Arabischen Halbinsel entsteht im 18. Jh. die fundamentalistische Reformbewegung der Wahhabiten (Muwahhidun). Bis ins 20. Jh. begründen sie ihre Eroberungskriege mit der festen Überzeugung, dass nicht-wahhabitische Muslime mit Dschihad bekämpft werden müssen.

(Quelle: Steinberg, S. 9)

Was ist Dschihad im 20. Jahrhundert?

Anfang des 20. Jh. entstehen in vielen Teilen der islamischen Welt neue fundamentalistische Bewegungen. Am einflussreichsten sind die ägyptischen Muslimbrüder. Ihr Gründer, Hasan al-Banna (gest. 1949) und einer ihrer wichtigsten Vordenker Sayyid Qutb (gest. 1966) definieren Dschihad neu. Ihre Ideen sind Inspiration für alle weiteren dschihadistischen Terrororganisationen.

Im Denken von al-Banna und Qutb sind der allumfassende Kampf gegen den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss des Westens zentral. Ziel ist die Errichtung eines „islamischen Staates“ mit ausschließlicher Orientierung an der Scharia. Das unterscheidet sie von islamischen Reformern des 19. Jh., die im westlichen Vorsprung auf vielen Gebieten noch einen Vorbildcharakter für eigenen Reformziele sahen.

Al-Banna betont den militärischen Sinn von Dschihad. Er formuliert auch die Grundlagen für den heutigen Märtyrerkult des „Heiligen Kriegers“.

(Quelle Küntzel 2002, S. 22)

Qutb radikalisiert dann das Konzept Dschihad: er formuliert die Ideen für den Vorwurf des Glaubensabfalls (Apostasie) gegen islamische Herrscher. Apostasie dient seitdem als Legitimation für den Dschihad gegen den „Nahen Feind“, die Regierung im eigenen Land.

(Quelle: Kamleitner, 2010, S. 49 ff. und 62 ff.)

In der Überzeugung der Muslimbrüder richtet sich Dschihad nun gegen alle gängigen säkularen Politikkonzepte, wie: Kommunismus, Kapitalismus, Demokratie, Diktatur, Autokratie oder Theokratie. Sie propagieren als neue Lösung eine Gesellschaft, die sich an die Idee einer frühislamischen Glaubensgemeinschaft orientiert, wie sie im Salafismus wahhabitischer Prägung idealisiert werden.

Weiterhin wird jegliches islamische Bekenntnis, dass nicht mit den Überzeugungen der Muslimbrüder übereinstimmt, als Dschahiliyya-Islam abgelehnt und bekämpft.

(Quelle: Kepel 2002, S. 39)

Betont wird im Konzept von Qutb auch das Spannungsverhältnis zwischen Haus des Krieges (Dar al-Harb) und Haus des Islams (Dar al-Islam). Demnach seien Christen und Juden Ungläubige und Kreuzfahrer, die gegen die islamische Welt und den Machtanspruch des Islams kämpfen. Sie verhindern die Gründung eines „islamischen Staates“. Der Dschihad und die Errichtung eines Kalifats sei der einzige Weg aus der angeblichen Unterdrückung.

Al-Banna und Qutb bereiteten mit Argumenten aus Koran und Sunna den Weg zu einem neuen terroristischen Verständnis von Dschihad, dessen Ziel ein islamischen Staat sein soll. Ihre enge Orientierung an den Wahhabismus kennzeichnet auch ihre Nachfolger.

Dschihad im 21. Jahrhundert

Inspiriert durch die Vordenker der Muslimbrüder entwickelte Abdallah Azzam, der Chefideologe von al-Qaida und Mentor von Usama bin Laden, die Verherrlichung des Märtyrerkults mit der üppigen Belohnung durch Paradiesjungfrauen weiter. Abu Muhammad al-Maqdisi arbeitete das Konzept von Loyalität und Lossagung (al-wala‘ wa-l-bara‘) aus, das wesentlich ist für heutige dschihadistische Salafisten ist.

(Quelle: Wagemakers in Said/Fouad (Hg.), S. 55ff.)

In dieser Tradition folgt auch Abu Bakr Nadji, dessen Buch „Managment der Barbarei“ von Abu Musab az-Zarqawi studiert und in brutaler Weise von seiner Organisation und dem „Islamischen Staat“ umgesetzt wird.

(Quelle: Neumann 2015, S. 85ff.; Stern/Berger 2015, S. 23ff.)

Dem Terror dieser neuen Dschihad Interpretation fallen zumeist Muslime in vielen islamischen Staaten zum Opfer. Die etwa 60 Staaten, die Mitglieder der Islamischen Weltliga sind, betonen zudem, dass sie in ihrer Gesetzgebung die Scharia zum Maßstab nehmen. In zwei Staaten, Saudi-Arabien und Iran, gilt die Scharia sogar als einzige Quelle der Gesetzgebung.

Die meisten islamischen Staaten legen großen Wert auf einen friedlichen Austausch mit nicht-muslimischen Staaten und sind vorbildliche Gastgeber von nichtmuslimischen Besuchern.

Die überwiegende Mehrheit der Muslime legt somit Wert auf eine andere Interpretation von Dschihad, als die modernen dschihadistischen Organisationen. Sie beweisen auch, dass ein friedliches Zusammenleben mit Nicht-Muslimen in Staaten mit mehrheitlich nicht-islamischer Bevölkerung möglich ist. Sie rücken durch ihr Handeln die Frage nach dem Verständnis eines zeitgemäßen „großen Dschihad“ wieder ins Zentrum der Debatten um eine gerechte moralische Gesellschaft.

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