Al-Wala‘ wa-l-bara

Arab.: „Loyalität und Lossagung“ bzw. „Fernhalten und Ausgrenzen“

Das Konzept hat eine lange Geschichte mit unterschiedlichen Definitionen. Zunächst nutzten schiitische Strömungen diese Idee. Heute wird der Begriff im sunnitischen Islam dazu verwendet, die Unterscheidung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen und ihren Umgang miteinander zu erfassen.

Auch hier vertreten muslimische Gelehrte sehr unterschiedliche Positionen: Sie reichen von Empfehlungen zum freundlichen Umgang mit Nicht-Muslimen bis zur absoluten Ablehnung von jeglichem Umgang.

al-wala‘ wa-l bara im wahhabitischen und salafistischen Islam

Diese extreme Position wird vor allem von fundamentalistischen Strömungen wie Wahhabiya oder Salafismus vertreten. Im 18. Jahrhundert führt der sunnitische Reformgelehrte Muhammad Ibn Abd al-Wahhab (gest. 1792) die Idee als ein zentrales Prinzip seiner neuen Glaubenslehre, dem Wahhabismus, ein. Salafisten haben im 20. Jahrhundert dieses Prinzip in ihrer Lehre übernommen.

Das Prinzip ist aktuell von großer Bedeutung. So ist z.B. für Anhänger des Salafismus nach dem „Eingottglauben“ (tauhid) „Loyalität und Lossagung“ das zweite wichtige Prinzip ihrer Glaubenslehre (aqida). In ihrer extremsten Auslegung führt dies zur absoluten Trennung von Andersgläubigen.

So fordern Salafisten eine bedingungslose Loyalität (wala‘) gegenüber Gott. Unter Lossagen (bara‘) verstehen sie jegliche Vermeidung von Kontakten mit Nicht-Muslimen und Bündnissen mit ihnen. Nach ihrer Überzeugung entscheidet es sogar darüber, wer gläubiger Muslim sei und wer nicht. Es sei eine Glaubenspflicht, die das gesamte persönliche und gesellschaftliche Leben umfasst. Ursprünglich richtete sich der Begriff jedoch nur auf das persönliche Glaubensleben.

Von Salafisten wird das Konzept genutzt, um den Islam als bedroht darzustellen. So fürchten sie, im Kontakt zu Andersgläubigen werde die muslimische Gemeinschaft (umma) verunreinigt. Islamische Werte und Lebensweisen seien angeblich durch eine oberflächliche Welt ohne Religion gefährdet, die auf bloßen materiellen Lebensgenuss ausgerichtet ist. Muslime würden vom rechten Weg abkommen. Fernhalten von diesen angeblichen Gefahren würde zur Reinheit der Glaubensgemeinschaft (umma) beitragen. Die gemeinsame Abwehr von schlechten Einflüssen stärke zudem den Zusammenhalt und die Gemeinschaft der Muslime. Salafisten begründen damit auch die Absage an alle als von ihnen unislamisch verurteilten politischen Systeme. Darunter fällt auch eine säkulare Gesetzgebung und internationale Abkommen.

Maßgebliche Vordenker des heutigen salafistischen Verständnisse von Dschihad, wie al-Maqdisi, az-Zawahiri oder Abu Mus’ab al-Suri dient „Ablehnung und Fernhalten“ als Argumentation für ihren Kampf gegen den sogenannten „Westen“: gegen die Demokratie und gegen muslimische Regierungen, die angeblich nicht-muslimisch regieren. Eine bedeutende Rolle spielt hier auch der Vorwurf der Apostasie (ridda). Der Dschihad wird zur höchsten Form der Lossagung (bara‘). Die Religion des Islams dient ihnen dazu, ihren Wunsch nach Revolution zu begründen.

al-wala‘ wa-l bara im Überblick

  • Der arabische Ausdruck „al-wala‘ wa-l bara‘ “ bedeutet „Loyalität und Lossagung“
  • Muslime erfassen damit ihre Unterschiede- und Umgangsformen gegenüber Nicht-Muslimen.
  • Sie reichen von der Empfehlung zum freundlich Umgang bis zur Lossagung und Ausgrenzung.
  • Salafisten begründen damit ihre Behauptung, der Islam werde durch westliche Lebensweise gefährdet.
  • „Loyalität und Lossagung“ dient dschihadistischen Salafisten auch als Argument für den bewaffneten Dschihad.
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