Fitna

Für den arabischen Begriff Fitna gibt es unterschiedliche Ebenen der Bedeutung:

Im Koran findet man mehrmals den Begriff Fitna im Sinne von „schwere Prüfung“, „Versuchung durch Gott“. Zumeist ist damit eine sehr schwere Prüfung gemeint, die zu einer Bedrohung für den Glauben wird.

In zahlreichen Hadithen kann man fitna treffender als Aufruhr gegen die göttliche Ordnung, Glaubensspaltung oder Glaubensabfall übersetzen.

Aus historischer Perspektive, insbesondere in der islamischen Geschichtsschreibung, sind mit fitna verschiedene sehr schwere Phasen der Unruhe, Rebellion und des Bürgerkrieges innerhalb der muslimischen Gemeinschaft gemeint, die daher auch sehr eindringlich in Erinnerung blieben.

So unterscheiden islamische Historiker vier schwere Krisenzeiten der islamischen Geschichte und bezeichnen sie als Fitna.

Die erste Fitna (656-661)

Islamische Historiker bezeichnen die Ereignisse um die Ermordung des dritten Kalifen Uthman (gest. 656) und die nachfolgenden Kämpfe zwischen dem vierten Kalifen Ali ibn Abu Talib (gest. 661) und dem umayyadischen Stadthalter von Damaskus Mu’awiya (gest. 680) als Fitna. Gegen den vierten Kalifen Ali ibn Abu Talib revoltierten mehrere unterschiedliche Bündnisse. Neben den Gefolgsleuten des Umayyaden Mu’awiya formierte sich auch ein Bündnis um die Prophetenwitwe Aischa und die berühmten Prophetengefährten Talha und Zubair. Der umayyadische Stadthalter von Damaskus setzte sich schließlich durch und gründete als Mu’awiya I. das Kalifat der Umayyaden. Die erste Fitna führte zur Formierung und Abspaltung zahlreicher Gruppierungen, wie z. B. den Charidschiten.

Die zweite Fitna (680-692)

Als zweite Fitna werden die Kämpfe zwischen den umayyadischen Kalifen und dem Enkel des vierten Kalifen Ali ibn Abu Talib, Husain ibn Ali (gest. 680) bezeichnet.

Die dritte Fitna (744-750)

Mit der revolutionären abbasidischen Bewegung gegen den letzten umayyadischen Kalifen von Damaskus beginnt die dritte Fitna. Sie endet mit der Gründung des Kalifats der Abbasiden unter Marwan II. (gest. 750). Die dritte Fitna wird daher auch als „abbasidische Revolution“ bezeichnet.

Die vierte Fitna ist von einer langwierigen Phase von zahlreichen Revolten und Schlachten geprägt. Sie begann mit Nachfolgekämpfen um die Herrschaft im Abbasidenreich zwischen den Söhnen des verstorbenen Kalifen Harun ar-Raschid (gest. 809), al-Ma’mun (gest. 833) und al-Amin (gest. 813). Nach dem Sieg von al-Ma’mun im Jahre 819 dauerten die Kämpfe jedoch in verschiedenen Provinzen des Reiches weiter an. Erst im Jahre 827 konnte der abbasidische Kalif al-Ma’mun wieder ein Großteil des Reiches kontrollieren.