Bid’a

Arab.: „Neuerung“ oder „Innovation“, der Gegensatz zu dem arabischen Wort sunna

Seit der Frühzeit gibt es eine heftige Debatte zwischen Muslimen über die Bewertung von Neuerungen. Eine Seite hält alle Neuerungen grundsätzlich für eine Verfälschung des Islams. Die andere Seite sieht den Wandel als natürlichen Teil der Geschichte. Neuerungen gehören für sie zu der normalen Entwicklung der Welt. Stark umstritten sind z.B. die weit verbreitete Tradition, den Geburtstag des Propheten zu feiern, bestimmte Gebetspraktiken und der Sufismus, aber auch die Einführung moderner Technologien und Strukturen.

Unterscheidung und Wertung zwischen Innovationen

Muslime unterscheiden daher zwischen guter (bid’a hasana) oder lobenswerter (bid’a mahmuda) Neuerung oder die schlechten (sayyi‘a) und tadelnswerten (madhmuma) Innovationen.

So hält der Gründer der schafiitischen Rechtsschule, ash-Shafi’i (gest. 820) alles, was entgegengesetzt zu Koran, Sunna, Konsens (idjma‘) oder Traditionen (athar) der Prophetengefährten steht, für schlechte Innovationen. Neuerungen werden von vielen Gelehrten daher entsprechend der fünf Kategorien des islamischen Gesetzes (al-ahkam al-khamsa) klassifiziert. Empfohlene Innovationen (mandub) sind z.B. die Gründung von Hospizen und Schulen.

Zu den verpflichtenden Innovationen (fard kifaya) gehört das Sprach- und Grammatikstudium, damit der Koran richtig verstanden werden kann. Verbotene Innovation (muharrama) sind z.B. die Denkrichtungen, die der Sunna widersprechen. Im islamischen Recht findet man also eine gewisse kritische Offenheit, der Wandel zulässt und Neuerungen auf ihre Nützlichkeit und Übereinstimmung mit dem Islam prüft.

In der Geschichte des Islams hat es immer wieder sehr unterschiedliche Bewertungen gegeben, was die Deutung und Anwendung von Bid’a betrifft. In der Frühzeit des Islams wurden sogar Bücher oder die Medizin abgelehnt. Doch während der Blütezeit des Islams, vom 9.-13. Jahrhundert waren die muslimischen Staaten führend in der Kunst, Forschung, Technologie und den Wissenschaften ihrer Zeit. Muslime waren zu dieser Zeit offenbar sehr offen für Innovationen und Wandel.

Heute gibt es salafistische und wahhabitische Gruppierungen, die alles ablehnen, was es nicht schon zur Zeit des Propheten gegeben hat. Dazu zählen auch moderne Formen von Staat und Gesellschaft, wie Demokratie, Parlament oder die Menschenrechte. Trotzdem nutzen sie modernste Technik.

Bid’a im Überblick

  • „Bid’a“ ist das arabische Wort für „Neuerung“ oder „Innovation“. Der Gegensatz ist „sunna“.
  • Muslime bewerten Innovationen seit der Frühzeit des Islam sehr unterschiedlich.
  • Salafistische und wahhabitische Strömungen lehnen zahlreiche Formen des heutigen Lebens als Neuerungen ab.
  • Für viele Muslime gehören Innovationen jedoch zum normalen Wandel der Welt, die jedoch kritisch zu prüfen sind.

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