Dawa

arab. daʿwa; wörtliche Übersetzung: Ruf, Aufruf, Einladung

Dawa ist ein Begriff, der zahlreiche Bedeutungsebenen im religiösen, politischen, juristischen und alltäglichen Gebrauch hat.

Dawa im Koran und in der islamischen Lehre

In Sure 30:24 wird der Begriff im Sinne vom Ruf an die Toten, am Tag des Gerichtes aus ihren Gräbern aufzustehen, verstanden.

An vielen Stellen im Koran wird dawa im Sinne von Gebet verwendet. So z.B. das Gebet Abraham’s in Sure 2:123 oder das Gebet Salomon’s in Sure 38:34. Von besonderer Wichtigkeit ist die Bedeutung als Ruf bzw. als Einladung von Gott und seinen Propheten an die Menschen, an die wahre Religion, den Islam, zu glauben (wie z.B. in Sure 14:46).
Besonders gern zitiert wird die Sure 16:125, in der ein sehr friedlicher Charakter des Aufrufes zum Islam gesehen wird.

Sure 3:110 wird häufig als Stelle erwähnt, mit der die gesamtes muslimische Gemeinschaft Verantwortung gegenüber sich selbst und der gesamten Menschheit trägt, die Einladung Gottes weiter zu verbreiten. In Sure 2:143 wird dies häufig als ein eher passives statt einem aktiven Informieren und Missionieren gedeutet.

In diesem Zusammenhang wird in islamischen Schriften auch viel über die jeweilige passende Methode diskutiert. Die Lebensphasen des Propheten Muhammad dienen als Orientierung für an die jeweilige Situation angepasste Dawa-Methoden. So waren in der mekkanischen Phase wie Anhänger Muhammads schwach und verletzlich. Dawa wurde daher im Geheimen betrieben. In der medinensischen Phase, nach dem Vertrag von Ḥudaybiyya im Jahre 628, hatte man dagegen starken Rückhalt, die Macht nahm zu und Dawa konnte frei und offen verkündet werden.
Aus den koranischen Stellen werden auch die Überzeugungen abgeleitet, dass die Religion aller Propheten der Islam sei und jeder Prophet eine daʿwa ausführt (Z.B. Sure 16:36, 4:165, 12:108). Der Begriff steht auch für die Botschaften falscher Propheten.

Weiterhin wird der Begriff Dawa auch in Verbindung mit Erziehung und Einführung in eine bestimmte Lehrmeinung im religiösen, politischen, juristischen und philosophischen Sinne gebraucht. Insofern steht Dawa in manchen arabischen Texten auch für bestimmte Schulen, Auffassungen bzw. Rechtsschulen (arab. madhhab).

Dawa im politisch-religiösen Verständnis

In der islamischen Geschichte sind zahlreiche starke politisch-religiöse Bewegungen aufgetreten, die ihre Propaganda mit dem Begriff Dawa bezeichnet haben. Zu ihnen gehören z.B. die Propaganda, die die Herrschaftsübernahme der Abbasiden eingeleitet hat, sowie die umfangreichen Aktivitäten, die zur Gründung des fatimidischen Kalifats in Kairo geführt haben. Im Gegensatz zur Propaganda der Abbasiden, endete die Werbung für das ismailitische Kalifat der Fatimiden nicht nach der Etablierung und Festigung ihrer Dynastie. Die Dawa der Fatimiden wurde unter ihren Kalifen systematisch weiter organisiert und in zahlreiche Regionen der islamischen Welt weiter verbreitet. Weitere Beispiele für Dawa im Dienste einer Reichsgründung ist die Dawa der Almohaden. Überbringer dieser Botschaften oder Propaganda werden in den Texten Botschafter genannt (Arab.: dāʿī, pl. duʿāt oder auch naqīb, pl. nuqabāʿ).

In manchen arabischen Texten steht in diesem Zusammenhang der Begriff Dawa auch für einen Bereich, eine Gruppe oder eine Region, in der man diesem Ruf folgt, bzw. auch als Begriff für Reich oder Dynastie.

Dawa im juristischen Sinne

Auch im juristischen Bereich wird Dawa als wichtiger Begriff verwendet. Zum Beispiel in einem Verfahren, wo eine Person gegenüber einer anderen Person ein Recht vor einem Richter einklagt. Weiterhin wird der Begriff genutzt, um einen Rechtsfall an einen Vermittler zu übergeben.