Wünsdorf Moschee

Wünsdorf

Wünsdorf: Gefangenenlager und Moschee

Die Wünsdorfer Moschee war die erste in Deutschland gebaute Moschee, die den Zweck des muslimischen Ritus erfüllte. Im Gegensatz zur Moschee im Schwetzinger Schlossgarten, dem Dampfmaschinenhaus des Schlosses Sanssouci im andalusischen Stil oder der Yenidze Tabakfabrik in Dresden – alles Gebäude, die nur aus stilistischen Gründen wie Moscheen aussehen – war eine Moschee aus Holz während des Ersten Weltkriegs südlich von Berlin errichtet worden.

Muslimische Kriegsgefangene sollten durch deutsch-osmanischen Plan überzeugt werden

Aus ganz unterschiedlichen Beweggründen waren das Deutsche und das Osmanische Reich im Ersten der beiden Weltkriege Verbündete und verfolgten zumindest teilweise ähnliche Ziele. Sie hatten gemeinsame Feinde und versuchten ihre Interessen in einigen Bezügen aufeinander abzustimmen. Politik und Militär des Deutschen Reiches waren seit einigen Jahrzehnten von Orientalismus, Kolonialismus und anderer rassifizierender Wissenschaften und Weltbilder. Muslim*innen wurden dadurch aus politischen Gründen umworben und es gab großangelegte Versuche der Manipulation und Beeinflussung.

Schon vor dem Krieg waren viele Gebiete, in denen Muslim*innen die Bevölkerungsmehrheit stellten, unter kolonialer Besatzung, besonders das Britische Reich, Frankreich und Russland – alles Gegner des Deutschen und Osmanischen Reichs. Die Armeen dieser Länder hatten hunderttausende bis Millionen muslimische Soldaten, die (zwangs-)rekrutiert für ihre Kolonialmacht kämpfen mussten. Der deutsch-osmanische Plan sah vor, dass Kriegsgefangene südlich von Berlin davon überzeugt werden sollten, dass sie sich dem Osmanischen Reich oder auch der Reichsarmee anschließen sollten, da das Russische Reich, England und Frankreich die Feinde des Islams seien.

Gefangenenlager Wünsdorf für muslimische Soldaten

In Wünsdorf gab es zwei unterschiedliche Lager: das sogenannte Halbmondlager für Gefangene Soldaten aus den Armeen Frankreichs und Englands, sowie das sogenannte Weinberglager für Soldaten der Zarenarmee.

Kurz nach Beginn des Krieges hatte der Osmanische Sultan Mehmed V. am 11.November 1914 alle Muslim*innen zum „Dschihad“ aufgerufen und Deutschland, als selbsternannter „Freund der Muslime“, wollte und sollte dabei seine Rolle spielen. Der Anspruch und die Hoffnung des Kalifats in Istanbul war, dass Muslim*innen dem Aufruf weltweit folgen und gegen die Kolonialmächte revoltieren. Den südlich von Brandenburg internierten Muslimen (die u.U. gar keine Muslime waren aber so vom Deutschen Reich eingestuft wurden), wurde eine Holzmoschee mit einem Minarett errichtet, das 23 Meter hoch war.

Muslimische Feiertage im Gefangenenlager Wünsdorf

In den Gefangenenlagern wurden ab Ramadan 1915 Freitagsgebete, `Id/Bayram-Gebete und andere besondere Feiern zelebriert. Die Moschee hatte eine Kuppel und wurde auch mit gespendeten Geldern des osmanischen Konsuls in Berlin errichtet, das Leben der muslimischen Gefangenen sollte so wenig an Kriegsgefangenschaft erinnern wie möglich. Ziel war es, dass die „feindlichen“ Soldaten die Seite wechseln und dadurch Vorbilder geschaffen werden, die dazu beitragen, viele weitere Muslim*innen anderer Länder zu vereinen.

In den Lagern in Wünsdorf gab es dafür sogar Zeitungen: Die erste in Deutschland erschienene arabisch-sprachige Zeitung hatte den Namen „al-Gihad. Zeitung für die mohammedanischen Kriegsgefangenen“, ein Propagandablatt des Deutschen Reichs.

Deutsche Propagandaversuche weitestgehend erfolglos

Insgesamt waren die Bestrebungen der Deutschen nicht sonderlich erfolgreich, zwar scheinen einige Tausend Soldaten die Seite gewechselt zu haben, was historisch gesehen in Kriegen jedoch keine Seltenheit war. Die unter anderem aus Marokko, Algerien, Senegal, Kamerun, Nigeria, Krim, Tscherkessien, Tunesien oder auch Indien stammenden Gefangenen waren im Lager Teil der rassistischen Wissenschaften, in dem dort bestimmte Ethnien „erforscht“, vermessen und „Volkstypen“ klassifiziert wurden.

Einige der Soldaten blieben nach dem Krieg in der Region und haben die ersten muslimischen Vereine in Deutschland gegründet oder die Moschee weitergenutzt bis sie vernachlässigt, vergessen und abgerissen wurde. Heute befindet sich auf dem Gelände eine Unterkunft für Geflüchtete, eine zu diskutierende Verwendung dieses historischen Ortes.