Blick aus offenen Fenstern Grenade

Worauf sollen Muslime im Dialog achten?

Es gibt verschiedene Ansätze und Herangehensweisen für den interreligiösen Dialog.

„Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“

Ein wichtiges Dokument zum Dialog mit anderen Religionen ist aus muslimischer Perspektive der 29-seitige Brief „Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“. Kein anderes Dokument ist bisher von so vielen hochrangigen muslimischen Gelehrten unterschrieben und unterstützt worden. Zentral sind die Forderungen nach Frieden und Gerechtigkeit, ohne die es keine Verständigung zwischen den Religionen geben kann.

Die Gelehrten betonen in diesem Aufruf zwei gemeinsame Grundprinzipien zwischen ChristInnen und MuslimInnen: Liebe zu dem einen Gott und Nächstenliebe, sowie die Einheit Gottes als Basis des Glaubens.
Monotheismus, Gottesfurcht, Gottesliebe und Gott als Schöpfer sind für die Unterzeichner des Briefes die Grundlagen für eine gemeinsame Verständigung zwischen ChristInnen und MuslimInnen.

Der Brief endet mit dem Aufruf an die drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, im interreligiösen Dialog weitere Gemeinsamkeiten zu suchen und Frieden in der Welt zu schaffen. [1]

Mahmoud Ayoub: Aufruf zur gegenseitigen Anerkennung, Freundschaft und Partnerschaft

Der Islamwissenschaftler Mahmoud Ayoub begründet den Dialog zwischen MuslimInnen und ChristInnen aus den islamischen Quellen, Koran und Sunna, heraus. Basis müssten die Toleranz gegenüber dem von Gott inspirierten Glauben, sowie die Akzeptanz der religiösen Traditionen der jeweils anderen Religion sein. MuslimInnen wie ChristInnen könnten damit gleichermaßen Legitimität und Authentizität beanspruchen.
Vier wichtige Themenfelder und Aufgaben sieht Mahmoud Ayoub, um Fortschritte im Dialog zu erzielen:

  • das Bewusstsein für die Notwendigkeit des Dialogs erweitern
  • sich kritischen theologischen und juristischen Themen stellen
  • Fragen, die die christliche Lehre von der Person und Bedeutung von Jesus Christus betreffen
  • der Kontext des muslimisch-christlichen Dialogs: die Herausforderungen der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche und Konflikte

Als eine weitere zentrale Voraussetzung sieht Mahmoud Ayoub den gemeinsamen Willen aller Beteiligten, soziale und politische Gerechtigkeit in der Welt zu verwirklichen.
ChristInnen und MuslimInnen befänden sich gemeinsam auf einem Weg zu Gott und könnten im gemeinsamen Nachdenken bereichernde spirituelle Erfahrungen machen. [2] [3]

Abdoldjavad Falaturi: Dialog als intensiver Weg zum gegenseitigen Verstehen

Abdoldjavad Falaturi (gest. 1996) war ein iranischstämmiger Islamwissenschaftler, der u.a. an der Universität Köln gelehrt hat. Durch seine zahlreichen Schriften und Vorträge zum interreligiösen Dialog gilt er als einer der bedeutendsten Fachleute zum Thema.

Ein zentraler Gedanke von Abdoldjavad Falaturi ist der Ansatz, die Religiosität der GesprächspartnerInnen möglichst so intensiv wie das eigene religiöse Bewusstsein zu begreifen. Beide Seiten müssten versuchen, in der Begegnung dem anderen diese Erfahrung möglich zu machen. Dazu gehört nicht nur die Bereitschaft, vieles neu zu denken und offen zu sein, sondern auch eine Position aufzugeben, die darauf besteht, dass man selbst exklusiv im Besitz einer vermeintlichen religiösen Wahrheit zu sein. [4]

Ausdrücklich betont Abdoldjavad Falaturi folgende Position:

„Die Vorstellung von alleiniger Seligkeit für die Anhänger seines eigenen Glaubens und von Verdammnis für alle anderen ist nichts als eine einäugige Einengung der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit und eine egozentrische Bevormundung Gottes; Himmel bzw. Paradies und Hölle unter den Menschengruppen zu verteilen bzw. sich als Pförtner vom Himmel und Hölle aufzuspielen, zeugt von einer naiven Vorstellung der Mensch-Gott-Beziehung.“

Die PartnerInnen im Dialog sollten weiterhin sehr selbstkritisch und differenziert ihre eigenen Grundsätze des Glaubens behandeln. Dazu gehöre auch ein kritischer Umgang mit der eigenen Religionsgeschichte und ein mutiges Eingestehen, sich zu Fehlentwicklungen zu bekennen.

Gläubige Menschen müssten zudem begreifen, dass sie selbst aufgrund der eigenen menschlichen Schwächen es nicht schaffen werden, die Ansprüche der eigenen Religion voll zu verwirklichen.

Toleranz ist ein weiterer zentraler Begriff für Abdoldjavad Falaturi. Toleranz versteht er nicht als ein bloßes Dulden des anderen. Sein Verständnis von Toleranz bezieht sich auf seine Interpretation des Korans. Demnach sollten die PartnerInnen im Dialog in ihrer vollen Identität toleriert werden. Zentral sei auch ein Bewusstsein der eigenen Identität. Sie sollte die fruchtbare Basis und Voraussetzung jeglicher Dialogbemühungen sein.

Für Falaturi ist der interreligiöse Dialog ein Instrument des Friedens. Frieden und die gemeinsame Verantwortung für diese Welt ist für ihn die eigentliche Zielrichtung des Dialogs.

Abdoldjavad Falaturi schließt im interreligiösen Dialog keine Religion aus.
Vielversprechende Ausgangspunkte für Gespräche zwischen Religionen sind für Falaturi gemeinsame theologische Themen wie z.B. die Liebe und Barmherzigkeit Gottes sowie die Beziehungen zwischen Gott und Mensch. [5]

 

Quellen:

 

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_gemeinsames_Wort_zwischen_Uns_und_Euch

[2] Mahmoud Ayoub: A Muslim view of Christianity. Irfan A. Omar (Hg.). New York 2007

[3] Mahmoud Ayoub: Special Issue. Islam in Dialogue. Essays in Honour of Professor Mahmoud Ayoub. Birmingham 2004

[4] Quelle des Zitats: Abdoldjavad Falaturi: Hermeneutik des Dialogs aus islamischer Sicht, in: Der Islam im Dialog. S. 157

[5] Abdoldjavad Falaturi: Der Islam im Dialog. Hamburg 1996

Seyyed Hossein Nasr: Islamic Christian Dialogue. Problems and Obstacles to be Pondered and Overcome. In: Islam and Christian-Muslim Relations, Birmingham 2000, 11:2, S. 213-227

Katajun Amirpur: Die Voraussetzungen für das Gespräch und Hemmnisse des Dialogs zwischen Christen und Muslimen aus muslimischer Perspektive. In: Mathias Rohe, Havva Engin, Mouhanad Khorchide, Ömer Özsoy, Hansjörg Schmid (Hg.): Handbuch Christentum und Islam in Deutschland. Grundlagen, Erfahrungen und Perspektiven des Zusammenlebens. 2 Bde., München, 3. Auflage 2017. Bd. 2. S. 1066-1088

Hamideh Mohagheghi: Zugänge zum christlich-islamischen Dialog aus muslimischer Perspektive. In: Volker Meißner, Martin Affolderbach u.a. (Hg.): Handbuch christlich-islamischer Dialog. Grundlagen, Themen, Praxis, Akteure. Freiburg, Basel, Wien, 2. Auflage 2016. S. 33-43

Heidi Hirvonen: Christian Muslim Dialogue: Perspectives of four Lebanese Thinkers. Leiden 2013

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