Scharia und Menschenrechte 3/4

Wie wurden die Hudud historisch umgesetzt?

Die Hudud-Strafen wurden sehr selten durchgeführt. Nach historischen Aufzeichnungen gab es in etwa 500 Jahren osmanischer Herrschaft nur einen Steinigungsfall in Istanbul. Prostitution, Homosexualität, Unzucht und Weinkonsum waren in muslimischen Zivilisationen weit verbreitet. Fälle der Handamputation waren für die örtlichen Bevölkerungen meist schockierend. Ibn Battuta, der berühmte mittelalterliche Reisepionier, berichtet davon, dass ein Richter, der die Handamputation eines jungen Mannes anordnete, von der Jugend aus Solidarität ermordet wurde.  Der Großmogul Akbar der Große ließ einen Oberrichter zwangsversetzen, der einen Mann für eine Hudud-Straftat verurteilte und exekutierte. 

Doch nun stellt sich folgende Frage: Warum gibt es Strafen, die nicht umgesetzt werden sollen? Jonathan Brown, ein amerikanisch-muslimischer Hadithwissenschaftler, antwortet darauf: Unsere Vorstellung von einem Rechtssystem, das routiniert und maschinenähnlich Gesetze implementiert, ist ziemlich neu, nämlich 200-300 Jahre alt.[1] Recht wurde nämlich in vormodernen Gesellschaften nicht als reine Institution der Ordnungsstiftung begriffen, sondern als Statement maßgebender Instanzen darüber, wie diese Gesellschaft sein sollte.

Denn vormoderne Staaten waren noch bis in das 19. Jahrhundert dezentral und verfügten nicht über die nötige Infrastruktur, um effektiv die Strafverfolgung durchzusetzen bzw. zu vollstrecken. Nicht nur die islamische Welt, sondern auch Europa, hatten noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts keine organisierte Polizeistruktur. Die von den politischen Autoritäten beauftragten Wächter hatten selten die nötige Ausbildung, um Untersuchungen durchzuführen. In ländlichen Gebieten fern von zentralen Metropolen wie Istanbul und Kairo wurden Streitigkeiten eher inoffiziell geregelt. Da aufgrund dieser Rahmenbedingungen Kriminelle oft davonliefen, bedarf es einer verhältnismäßig heftigen Abschreckungsmaßnahme.

 

Hudud heute?

Während die Hudud-Strafen für den Westen des 20. Jahrhunderts die Personifizierung der Barbarei an sich sind, symbolisierten diese zeitgleich für viele Islamisten die Befreiung von den westlichen Kolonialmächten und die Restoration ihrer eigenen Identität, Autonomie und glorreichen goldenen Vergangenheit. Daher ist es keine Überraschung, dass die Hudud-Strafen gerade in den Ländern aktiv durchgesetzt werden, die sich entweder über ihren Widerstand gegen den „westlichen Imperialismus“ definieren (wie der Iran), oder über ihren Anspruch, islamische Authentizität zu verkörpern (im Falle Saudi-Arabiens). So wie amerikanische Konservative zur Rückkehr zu einer imaginierten Utopie der 1950er Jahre animieren, ist die „authentische Vergangenheit“ die manche moderne muslimische Nationalstaaten wiederbeleben möchten, größtenteils eine Phantasie. Daher ist das Thema heute jenseits von politischen Spannungen und Konflikten in Bezug auf Identität und Autonomie kaum diskutierbar.

Die Kodifizierung der Hudud-Strafen im letzten Jahrhundert hat jedoch zu etwas geführt, was den Muslimen in vormodernen Zeiten fremd war: Die Ferne zu individuellen Fällen und die Top-Down-Durchsetzung von Strafgesetzen mit den Kontrollmitteln des modernen Nationalstaats, die kaum noch Raum lässt für Mehrdeutigkeiten. Jonathan Brown hält fest:

„Vielleicht existieren die strengen Vorschriften in der Scharia, die durch Gottes Barmherzigkeit fast unmöglich durchsetzbar sind, in erster Linie, um die Gläubigen an das ungeheure Ausmaß ihrer Sünden zu erinnern, mit denen sie gewöhnlich ungestraft davonkommen.“

 

Quellen:

[1] Jonathan A.C. Brown, Stoning and Hand Cutting – Understanding the Hudud and the Shariah in Islam, https://yaqeeninstitute.org/jonathan-brown/stoning-and-hand-cutting-understanding-the-hudud-and-the-shariah-in-islam/#ftnt_ref28