Musliminnen und Sport – ein Widerspruch?

 

Musliminnen und Sport – ein Widerspruch?

Obwohl heutzutage weltweit Musliminnen Sport treiben, gibt es Muslime, die ihnen generell Sport verbieten oder es versuchen, dabei berufen sie sich auf Koran und Sunna. Doch diese Quellen betonen auch die religiöse Pflicht aller Muslim*innen, ihren Körper fit und gesund zu halten, eine Mischung also, die es besser zu verstehen gilt. Die Aussagen muslimischer Gelehrt*innen fallen sehr unterschiedlich aus und sind häufig auch von Traditionen und kulturellen Prägungen des jeweiligen Landes abhängig.

Meistens geht es dabei um Bekleidungsvorschriften und die Rahmenbedingungen unter denen Musliminnen sportlich aktiv sein sollten. In Deutschland entscheiden die meisten muslimischen Frauen daher selbst ob und wie sie Sport treiben und wie sie das mit ihrem Gottesbild in Einklang bringen.

Fitness und Fit sein durch Bewegung

Koran und Sunna kennen zwar die Formen des modernen Sports nicht, aber sie kennen die Aktivitäten aus denen heutige Disziplinen entstanden sind. Dazu gehören zum Beispiel Gewichtheben (damals nicht mit Stangen und Hantelbank, sondern mit Steinen), der Hochsprung über eine Holzlatte oder auch das Fechten. Alle genannten Sportarten sind heute bei den Olympischen Spielen vertreten. Diese und andere Sportarten sicherten vielen das Überleben. Außerdem waren es oft Fähigkeiten, die Männer verteidigungsbereit machen sollten und mittlerweile anerkannte internationale Sportarten sind. Ein heutzutage berühmter Sport aus den Zeiten von Muhammad ist das Ringen. Ringkampf kann nicht nur als Nationalsport nordkaukasischer Länder angesehen werden, sondern gilt als wichtige Teildisziplin verschiedener Kampfsportarten oder der „Mixed Martial Arts“ (MMA). Olympische Medaillen holten unter anderen Nur Tatar in Taekwondo (Bronze) oder Majlinda Kelmendi im Judo (Gold).

Frauen wurden in den Quellen weniger häufig direkt angesprochen, prominent sind jedoch Hadithe, die von zwei Wettrennen zwischen dem Propheten Muhammad und seiner Frau Aischa berichten. Darin heißt es, dass Aischa beim ersten Wettrennen gegen den Propheten gewann, also schneller war. Muhammad war im zweiten Rennen schneller, da Aischa etwas an Gewicht zugelegt hatte – doch damit waren sie quitt.

Zusätzlich zum Laufen wird Frauen und Kindern in der Sunna empfohlen, Bogenschießen, Schwimmen und Wurfsportarten zu üben. [1] [2] Alles drei sehr fordernde Sportarten, die heute noch generell unter Menschen sehr bekannt und beliebt sind.

Koran und Sunna betonen jedoch auch ganz allgemein die körperliche Fitness für sowohl Frauen als auch für Männer: Ein gutes Körpergefühl, gute Bildung und Glauben hängen im Islam eng miteinander zusammen. Fitness ist eine wichtige Voraussetzung für ein muslimisches Leben. [3] Viele Muslim*innen, die im Ramadan fastend und dennoch Sport treiben, berichten zum Beispiel regelmäßig, dass sie aufgrund ihres Trainings besser durch das Fasten und alle anderen Ibadat kommen.

Regeln für den Sport von Musliminnen

Muslimische Gelehrt*innen stellen zusätzliche Regeln auf. Einige davon betreffen Männer und Frauen gemeinsam, doch die Regeln für Frauen sind umfangreicher.

Diese Regeln betreffen die Geschlechtertrennung und Bekleidungsvorschriften wie das Tragen des Kopftuches, diese können jedoch sehr unterschiedlich ausfallen. Muslimische Sportlerinnen haben gerade in den letzten Jahren immer wieder den Spagat gemacht und immer neue Methoden entwickelt, um während des Sports in der Öffentlichkeit weiterhin ein Hijab tragen zu können. 2017 erkannte das auch der US-amerikanische Sportartikelhersteller „Nike“ und brachte unter großen Diskussionen ein eigens entwickeltes Sportkopftuch auf den Markt.

Die von muslimischen Gelehrt*innen geforderten Regeln haben dazu geführt, dass einige Staaten mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung internationale „islamische“ Sportveranstaltungen organisieren: Saudi-Arabien veranstaltete im Jahr 2005 die „Islamic Solidarity Games“ mit ausschließlich männlichen Sportlern. Frauen durften jedoch zuschauen und die Teilnahme von Sportlerinnen wurde für die nächsten Spiele in Aussicht gestellt. Der Iran veranstaltete in den Jahren 1993 bis 2005 viermal die „Islamic Women’s Games“. [4] Eine Art Olympische Spiele für muslimische Frauen. Grund dafür waren auch die lange existierenden Einschränkungen oder gar Verbote muslimischer Kleidung in den Statuten internationaler Sportorganisationen wie der FIFA.

Bedachte und respektvolle Blicke in Fitnessstudios in Deutschland zeigen sehr schnell, dass muslimische Frauen dort ihre Religion und rechtliche Vorschriften mit dem Wunsch nach Sport ganz pragmatisch im Alltag kombinieren. Sportvereine, Fitnessstudios und Sportorganisationen können dabei mit Überdenken oft überholter Regeln dazu beitragen, dass es noch normaler wird, wenn muslimische Frauen Sport machen.

Dürfen Musliminnen Fahrrad fahren?

Das Fahrradfahren kann Beispiel für unterschiedliche Interpretationen von muslimischen Gelehrt*innen sein: 2013 erlaubte die saudische Religionspolizei das Fahrradfahren für Frauen, aber: Es ist nur in öffentlichen Parks und am Strand erlaubt. Die Frauen müssen verschleiert sein und es wird empfohlen, dass sie von einem Mann begleitet werden, was gesetzlich jedoch nicht vorgeschrieben ist. Sie dürfen nur zum Vergnügen Rad fahren und es nicht zur Fortbewegung nutzen. Der Kontext zeigt auch, dass Fahrradfahren generell kaum vergleichbar zu anderen Teilen der Welt repräsentiert ist.

Die Gelehrtenschule von Deoband in Indien beschließt dagegen ein Fahrradfahrverbot für alle Mädchen ab 13 Jahren. Indien ist ein Land, in dem seit langem fast jeder Fahrrad fährt. Viele muslimische Gelehrt*innen außerhalb der Schule von Deoband halten dieses Urteil für lächerlich und unverständlich. [5]

Musliminnen im Leistungssport

Frauen aus überwiegend muslimischen Ländern erzielen im modernen Leistungssport immer wieder herausragende Erfolge. Zu den Ersten zählen die Marokkanerin Nawal El Moutawakel, die 1984 olympisches Gold über 200 m Hürden gewann und die Algerierin Hassiba Boulmerka, Olympiasiegerin über 1.500 m im Jahr 1992. Einige Länder haben Sportlerinnen erst sehr spät zu olympischen Spielen entsandt, z.B.: Saudi-Arabien, Qatar und Brunei erstmals 2012 für London.

Muslimische Sportlerinnen übernehmen häufig Vorbildfunktion im Kampf der muslimischen Frauen um mehr Anerkennung, Freiheiten und Gleichberechtigung. Häufig sind zudem die Trainingsbedingungen im eigenen Land nicht ideal, da die landeseigenen Verbände Frauen sogar behindern. In Algerien führten Todesdrohungen gegen Hassiba Boulmerka sogar dazu, dass sie im Ausland trainierte. [6]

Welche Schwierigkeiten eine muslimische Leistungssportlerin bewältigen muss, davon berichtet auch die iranische Eiskletterin Zohreh Abdollah Khani. Sie lebt weiterhin im Iran, um dort die Sportkultur für Frauen weiter zu entwickeln. Durch die Arbeit dieser engagierten Frauen nimmt die Zahl der muslimischen Sportlerinnen weiter zu. Die Trainingsmöglichkeiten im eigenen Land verbessern sich allmählich. Selbst in Saudi-Arabien ist es nun für Frauen möglich, Sport zu treiben, wie z.B. Basketball in Dschidda. [7] [8] [9]

Der Blick nach Westasien oder Nordafrika ist interessant, doch es gibt zahlreiche Beispiele hier in Deutschland, wie die Boxerin Zeina Nassar. Sie sagte Islam-ist in unserem: „(…) Genau diese zwei wichtigen Punkte habe ich auch in meiner Religion: Respekt und Disziplin.“ Und weiter: „Ich möchte andere Leute motivieren, vor allem Frauen das zu machen, worauf sie Lust haben. Und mein Ziel ist es vor allem auch Vorurteile zu bekämpfen und den Leuten zu zeigen, dass muslimische Frauen auch boxen können und darin auch erfolgreich sein können.“

Musliminnen und Sport – theoretisch gesehen kein Widerspruch, doch aufgrund von Verboten durch sowohl muslimische, als auch nichtmuslimische Instanzen fechten, boxen, schwimmen oder ringen muslimische Frauen noch immer jeden Tag gegen den Widerspruch an.

Quellen:

[1] Dahl. Zum Verständnis von Körper, Bewegung und Sport in Christentum, Islam und Buddhismus. Berlin 2008. S.223f.

[2] 2010: Islam and Islamic Culture: Earliest Foreign Influences on Physical. Activity in Pre-Colonial East Africa, The International Journal of the History of Sport, 27:5, S. 799ff. http://dx.doi.org/10.1080/09523361003625857

[3] Dahl. Zum Verständnis von Körper, Bewegung und Sport in Christentum, Islam und Buddhismus. Berlin 2008. S. 193-199

[4] Dahl: Zum Verständnis von Körper, Bewegung und Sport in Christentum, Islam und Buddhismus. Berlin 2008. S. 206-207, 226

[5] Damir-Geilsdorf, Menzfeld, Pelican (Hg.), Islam und Sport, 2014, S. 10-11

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Hassiba_Boulmerka

[7] https://www.bergfreunde.de/basislager/zohreh-abdollahkhani-irans-beste-eiskletterin

[8] https://en.wikipedia.org/wiki/Women%2527s_sport_in_Saudi_Arabia?oldid=752971729

[9] https://www.zdf.de/politik/auslandsjournal/auslandsjournal-die-doku-116.html