Welche theologischen Positionen blockieren Dialog?

Einer der wichtigsten Denker zu dieser Frage ist der Philosoph Seyyed Hossein Nasr (geb. 1933). Er ist der Ansicht, dass sich in den letzten Jahren sehr viel im Bereich der Begegnungen und Verständigungen zwischen den Religionen getan hat. Auf allen Seiten fördern TheologInnen diese Entwicklung. Er nimmt jedoch vier Themenfelder wahr, die einen Dialog blockieren:

  • Theologische Fragen
  • Die Grenzen der Religionsfreiheit
  • Missionstätigkeit
  • Einstellungen zu modernen Lebensweisen und Lebenseinstellungen, die Religion nicht mehr als Basis für eine Orientierung sehen

Im Themenfeld theologische Fragen sieht Seyyed Hossein Nasr z.B. folgende Konflikte und Unterschiede, in denen kaum Fortschritte erzielt werden.

Akzeptanz als Offenbarungsreligion

In den Begegnungen zwischen Juden, Christen und Muslimen sieht Seyyed Hossein Nasr eine grundlegende Bedingung für einen gelungenen Dialog: Die gegenseitige Anerkennung, dass sich jede dieser Religionen auf ein Offenbarungsgeschehen durch Gott berufen kann. Er stellt sich damit ausdrücklich gegen starke Tendenzen im Islam, Judentum und Christentum nicht als Offenbarungsreligionen anzuerkennen. Seyyed Hossein Nasr ist davon überzeugt, dass dies auch im Koran eindeutig belegt sei und sunnitische wie schiitische Rechtsschulen dies auch anerkennen.

Unterschiede im Rechtsverständnis

Seyyed Hossein Nasr sieht zudem Unterschiede im jeweiligen Verständnis von Christen und Muslimen hinsichtlich des Verhältnisses von säkularem und religiösem Recht. Im christlichen Verständnis überwiege zum Beispiel heute die Einstellung, dass Recht als säkulares Recht verstanden wird. Rechtliche Aussagen der Bibel betreffen dagegen eher den moralischen und spirituellen Bereich des Lebens. Islamisches Recht, daher göttliches Recht, basierend auf Scharia und Koran, übt dagegen einen wesentlich stärkeren Einfluss auf das Selbstverständnis von Muslimen und ihr Alltagsleben aus.

Menschwerdung Gottes und Glaube an den dreieinigen Gott

Große Hindernisse sind für viele Muslime die Anerkennung von zentralen christlichen Lehren zur Menschwerdung Gottes (Inkarnation) und Dreieinigkeit Gottes (Trinität). Hier gibt es auch unterschiedliche Lehren innerhalb des Christentums selbst. Um mehr Bewegung in die Dialogbemühungen zwischen MuslimInnen und ChristInnen zu bekommen und eine bessere Verständigung zu ermöglichen, haben christliche TheologInnenen wie z.B. Hans Küng oder John Hick Entwürfe erarbeitet, die auf Gemeinsamkeiten und Verbindendes zum muslimischen Verständnis ausgerichtet sind.

Rettung vor dem jüngsten Gericht

Aus muslimischer Sicht sind gerade in extremistischen Strömungen zwei Fragen zentral, die den interreligiösen Dialog betreffen: Wer wird im jüngsten Gericht gerettet und erfährt das Heilsversprechen Gottes? Wer kommt in die Hölle? Aus diesen theologischen Grundsatzfragen resultieren auch feste Fronten. da man mit jemanden, den man als potenziellen zukünftigen Höllenbewohner betrachtet wohl kaum einen konstruktiven Dialog führen kann.

Takfir: Sind Christen und Juden Ungläubige?

Seyyed Hossein Nasr mahnt vor einem wachsenden gefährlichen Trend innerhalb des Islams, Christentum und Judentum nicht mehr als Buchreligionen anzuerkennen. Damit verbunden ist auch die Tendenz alle Nicht-Muslime pauschal als Ungläubige zu betrachten. Wer diese Überzeugung vertritt, stellt nach Seyyed Hossein Nasr grundsätzlich die seit dem Ursprung des Islams geltende Lehrmeinung in Frage, nach der diejenigen, die den Lehren dieser Religionen folgen, ebenfalls das Heil empfangen.

Quellen:

Handbuch Christentum und Islam in Deutschland. Grundlagen, Erfahrungen und Perspektiven des Zusammenlebens. Mathias Rohe, Havva Engin, Mouhanad Khorchide, Ömer Özsoy, Hansjörg Schmid (Hg.). D.II. b) Die Voraussetzungen für das Gespräch und Hemmnisse des Dialogs zwischen Christen und Muslimen aus muslimischer Perspektive. Katajun Amipur, S. 1066-1088.

Seyyed Hossein Nasr: Islamic-Christian Dialogue: Problems and obstacles to be pondered and overcome. In: Islam and Christian-Muslim Relations. Vol. 11, 2000, Bd. 2, S. 213-227.

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