Welche Hindernisse in der Gesellschaft blockieren einen Dialog?

Die deutsche Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur (geb. 1971) sieht Blockaden für einen Dialog in gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Religion ebenfalls eine bedeutende Rolle spielt. Neben interreligiösen Gesprächen, die man über theologische Themen führt, sollte man auch diese dringenden gesellschaftlichen Themen berücksichtigen

Diskriminierung, Muslimfeindlichkeit und Rassismus

Katajun Amirpur stellt fest, dass entscheidende gesellschaftliche Probleme in interreligiösen Gesprächen häufig außenvorbleiben. Zu diesen zählt sie Muslimfeindlichkeit und Rassismus. Der muslimische Philosoph Seyyed Hossein Nasr betont zudem, dass viele Gespräche im Kontext politisch-diplomatischer Rahmenbedingungen stattfinden, so dass konfliktgeladene Themen häufig ausgespart würden.

Religiosität als Problem

Besonders in politischen Diskursen wird Religiösität in Deutschland nach der Meinung von Katajun Amirpur häufig auch als Problem dargestellt. Die deutsche Gesellschaften sei durch eine wachsende Säkularisierung geprägt.Religiös zu sein, an einen Gott zu glauben, sei demnach für eine steigende Zahl von Menschen in Deutschland nicht mehr zeitgemäß, veraltet und habe obendrein viel Unglück in die Welt gebracht. Folglich sollte der Einfluss von Religionen auf die Gestaltung der Gesellschaft weiter eingeschränkt werden. Christen, Juden und Muslime stehen vor der Herausforderung, auf diese Kritik Antworten zu finden. Diese Entwicklung erscheint bedrohlich, sie birgt jedoch auch die Chance, gemeinsam neue gute Antworten auf diese scharfe Kritik zu erarbeiten.

Angst- und Panikmacher, Verzerrungen

In Deutschland und Europa sei nach Katajun Amirpur zudem ein weiterer fataler Trend zu beobachten. Aus unterschiedlichsten Motiven schüren einzelne Personen und Gruppierungen bewusst Angst vor dem Islam. Sie stellen Probleme verzerrt oder verkürzt dar, so dass Misstrauen unter einem wenig informierten Publikum entsteht. Eine lösungsorientierte Diskussion über die komplexen Zusammenhänge und Probleme wird dadurch bewusst verhindert. Es besteht die Gefahr, das pauschale Urteile, Klischees und Stimmungen die Gespräche und Begegnungen bestimmen.

Muslimisierung der Muslime und Nicht-Muslime?

Weiterhin weist Katajun Amirpur auf ein Phänomen hin, dass sie als die „Muslimisierung der Muslime“ bezeichnet. Weit verbreitet scheint die Erfahrung von Menschen mit Migrationshintergrund zu sein, nie als „echter“ Deutscher anerkannt zu werden, obwohl sie ein sehr gutes Deutsch sprechen und sich beruflich erfolgreich etabliert haben. Diese Erfahrung betrifft Menschen, die sich zum Islam bekennen. Dies erleben aber auch Menschen mit Migrationshintergrund, die nicht oder nur wenig religiös denken und leben. Sie werden einer vermeintlich geschlossenen Gemeinschaft von Muslimen zugeordnet, obwohl sie sich gar nicht mit einer solchen identifizieren. Die Strömungen des Islams unter Sunniten und Schiiten sind so vielfältig, dass es „die“ Muslime ohnehin nicht gibt.

Konstruiert „der Westen“ einen Islam, den es so nicht gibt?

Konstruiert die „westliche Welt“ ein unrealistisches Bild des Islams? In der öffentlichen Diskussion wird Muslimen immer wieder ein einheitliches islamisches Bewusstsein, eine einheitliche Religion und Kultur unterstellt. Der syrische Islamwissenschaftler Aziz al-Azmeh (geb. 1947) bezeichnet dieses Phänomen als „Islamisierung des Islams“. Das Gefährliche an dieser Haltung sei, dass aus ihr auch eine unversöhnliche Fremdartigkeit von „dem Islam“ und „dem Westen“ begründet wird. Ähnlich argumentieren auf islamischer Seite islamistische, fundamentalistische und extremistische Strömungen und zeichnen ein verzerrtes Bild von „dem Westen“. Die Gegensätze seien so unüberbrückbar, dass eine Verständigung oder ein Dialog nicht möglich sei.

Wissenschaftliche Studien zur Integration werden nicht wahrgenommen

Katajun Amirpur greift die immer wieder vertretene Meinung auf, dass Muslimsein mit „Westen“ unvereinbar sei – unterschwellig schwingt diese Annahme in vielen Diskussionen und Publikationen mit. Wissenschaftliche Studien zur Integration von MuslimInnen beweisen laut Katajun Amirpur dagegen eine andere Realität. Sie belegen eine sehr weit fortgeschrittene Integration von Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern. Katajun Amirpur verweist z.B. auf die Studien von Heiner Bielefeldt, Heinz Bude, Yasemin Karaskaşoğlu und Ursula Boos-Nünning. Leider werden diese Ergebnisse nach Ansicht von Katajun Amirpur häufig nicht wahrgenommen oder verkürzt dargestellt.

Quellen:

Seyyed Hossein Nasr: Islamic Christian Dialogue, Problems and Obstacles to be Pondered and Overcome. In: Islam and Christian-Muslim Relations, Birmingham 2000, 11:2, S. 213-227.

Katajun Amirpur: Die Voraussetzungen für das Gespräch und Hemmnisse des Dialogs zwischen Christen und Muslimen aus muslimischer Perspektive. In: Mathias Rohe, Havva Engin, Mouhanad Khorchide, Ömer Özsoy, Hansjörg Schmid (Hg.): Handbuch Christentum und Islam in Deutschland. Grundlagen, Erfahrungen und Perspektiven des Zusammenlebens. 2 Bde., München, 3. Auflage 2017. Bd. 2. S. 1066-1088.

Hamideh Mohagheghi: Zugänge zum christlich-islamischen Dialog aus muslimischer Perspektive In: Volker Meißner, Martin Affolderbach u.a. (Hg.): Handbuch christlich-islamischer Dialog. Grundlangen, Themen, Praxis, Akteure. Freiburg, Basel, Wien, 2. Auflage 2016, S. 33-43.

Rüdiger Lohlker: Islam. Eine Ideengeschichte. Wien 2008.

Werner Ende, Udo Steinbach (Hg.): Der Islam in der Gegenwart. München 2005.

Studien zur Integration, z.B.:

  • Bertelsmann Stiftung. Religionsmonitor: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/religionsmonitor/
  • Heiner Bielefeldt: Muslime im säkularen Rechtsstaat. Integrationschancen durch Religionsfreiheit. Bielefeld 2003
  • Ursula Boos-Nünning, Yasemin Karaskaşoğlu: Viele Welten leben. Zur Lebenssituation von Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund. Münster 2005
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