© Mostafameraji [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Warum gibt es verschiedene Lesarten des Korans?

Der Text des Korans ist mit unterschiedlichen Varianten und Abweichungen überliefert worden. Dabei handelt es sich zumeist um leichte Unterschiede in den Buchstaben oder der Vokalisation. Diese Unterschiede waren muslimischen Gelehrten jedoch seit der Frühzeit des Islams so wichtig, dass sie sie gleichberechtigt nebeneinander weiter überliefern. Man respektierte diese Varianten und überlieferte sie in verschiedenen Lesarten (arab. qira’at) des Korans. Sie sind ein Resultat der Entstehungsgeschichte des Korans von den ersten Offenbarungen bis zur Zusammenstellung der Suren und ihrer Zusammenfassung in einem Buch, dem Koran.

Persönliche Erinnerungen führen zu unterschiedlichen Traditionen

In den ersten frühislamischen Zentren des islamischen Weltreiches Mekka, Medina, Kufa, Basra und Damaskus entstanden starke eigenständige regionale Traditionen der Erinnerung an die Offenbarungen des Propheten Muhammad. Sie wurden von frühen Gefährten des Propheten vertreten, die zum Teil bereits zu Lebzeiten des Propheten in diese Orte gelangten. Aus diesen regionalen Traditionen entstanden unterschiedliche Textsammlungen und mündliche Traditionen der Offenbarungen.

Die ersten Generationen von Muslimen standen nach dem Tode des Propheten Muhammad vor der Aufgabe, aus diesen unterschiedlichen Überlieferungstraditionen einen einheitlichen Text des Korans zu schaffen, der für alle als verbindlich (kanonisch) gelten konnte. Bereits die ersten Kalifen versuchten dies. Aber erst unter dem dritten Kalifen Uthman (reg. 644-656) wurde ein einheitlicher schriftlicher Korantext zusammengestellt. Er lies mehrere Kopien anfertigen, die in die Zentren des damaligen islamischen Reiches gesandt wurden. Sie sollten als verbindliche Vorlagen dienen. Abweichende Texte sollten vernichtet werden. Es gab Widerstand, doch die Mehrheit der Muslime entschied sich für die uthmanische Koranversion.

Trotzdem lies der uthmanische Korantext noch Varianten von Lesarten zu. So war die Entwicklung der arabischen Schrift noch nicht abgeschlossen. Z.B. waren zahlreiche Konsonanten noch nicht eindeutig gekennzeichnet und Vokale fehlten vollständig.

Der schriftliche Korantext blieb weiterhin ohne den auswendig gelernten Korantext und die mündliche Weitergabe durch Gelehrte vieldeutig. Daher existierten auch weiterhin unterschiedliche Lesarten und mündliche Traditionen in den Zentren der Gelehrsamkeit der islamischen Welt. In den folgenden Jahrhunderten wurden die unterschiedlichen Erinnerungen an die Offenbarungen weiter vereinheitlicht. Vom Umayyadenkalif Abd al-Malik ibn Marwan (reg. 685-705) wird z.B. berichtet, dass er dieses Ziel weiter vorantrieb, in dem er abweichende Koranexemplare und mündliche Traditionen eliminierte.

Das Mehrheitsprinzip ersetzt die Tradition

Als ein wichtiges Kriterium für die Vereinheitlichung der Lesarten wurde im 10. Jahrhundert von muslimischen Gelehrten das Mehrheitsprinzip (arab. idjma) durchgesetzt. Es ersetzte das bisherige Prinzip der Tradition, welches bis dahin die unterschiedlichen Lesungen des schriftlichen uthmanischen Korantextes rechtfertigten. Textvarianten und Lesarten (arab. qira‘a) wurden damit weiter vereinheitlicht und auf wenige Lesarten reduziert. Die bis dahin übliche Freiheit in der Interpretation des Textes durch Korankenner wurde damit nochmals erheblich eingeschränkt.

Die sieben kanonischen Lesarten des Ibn Mudschahid

Eine Schlüsselposition in diesem Prozess nimmt der Korangelehrte Ibn Mudschahid (gest. 936) ein. Seine Auswahl von sieben Lesungen, die von jeweils sieben Autoritäten überliefert worden sind, wird als kanonisch anerkannt. Sie gelten seitdem als verbindliche gleichberechtigte Lesarten. Ibn Mudschahid orientierte sich dabei an sieben der prominentesten Korangelehrten des 8. Jahrhunderts:

  • Nāfiʿ aus Medina (689-785 n. Chr.), überliefert von Warš (728-813 n. Chr.) und Qālūn (738-835 n. Chr.)
  • Ibn Kaṯīr aus Mekka (665-738 n. Chr.), überliefert von Al-Bazzī (786-864 n. Chr.) und Qunbul († 811-904 n. Chr.)
  • Ibn ʿĀmir aus Damaskus (629-736 n. Chr.), überliefert von Hišām (770-859 n. Chr.) und Ibn Ḏakwān (789-856 n. Chr.)
  • Abū ʿAmr aus Basra (687-771 n. Chr.), überliefert von ad-Dūrī († 860 n. Chr.) und as-Sūsī (etwa 806-875 n. Chr.)
  • ʿĀṣim aus Kufa († 745 n. Chr.), überliefert von Šuʿba (714-803 n. Chr.) und Ḥafṣ ibn Sulaimān (709-796 n. Chr.)
  • Ḥamza aus Kufa (699-755 n. Chr.), überliefert von Ḫalaf († 844 n. Chr.) und Ḫallād
  • Al-Kisāʾī aus Kufa (737-804 n. Chr.), überliefert von Abu-l-Ḥāriṯ († 854 n. Chr.) und Ḥafṣ ad-Dūrī († 763 n. Chr.)

Zwei der sieben Lesarten haben eine besondere Bedeutung: Die Lesung nach Nafi ist besonders populär in Nordafrika und Spanien. Die Lesung von Asim ist stark verbreitet in Arabien, Ägypten und der Levante. Sie diente als Orientierung für die erste gedruckte Koranausgabe der al-Azhar Universität von 1923-4, die bis heute die wichtigste Referenz für zahlreiche Koranausgaben ist.

Es gibt sieben, zehn oder sogar vierzehn Lesarten

Ibn Mudschahid’s Auswahl setzt sich zwar durch, aber die Zahl von sieben kanonischen Lesarten bleibt umstritten. So bleiben schließlich in unterschiedlichen Regionen weitere Lesarten gültig, was zu acht, zehn oder sogar vierzehn akzeptierten Varianten führt.

Für das Studium des Korans bedeutet dies jedoch, dass seitdem das jeweilige geschlossene System von sieben oder mehr Lesungen gelehrt wird. Ibn Mudschahid’s eigenes Werk über die sieben Lesarten bildet dazu die Basis (arab. Kitab as-Sab`a, das Buch der Sieben).

In Folge dieses Umbruchs entstand eine umfangreiche Literatur von Kommentaren, die jeweils die einzelnen Lesarten grammatisch begründeten. Für die zehn Lesarten schuf z.B. Ibn al-Dschazari (gest. 1431) ein umfangreiches Werk. Und für die Zahl von vierzehn Lesarten steht der Kommentar von Ahmad ad-Dimyati al-Banna (gest. 1705).

Gibt es wesentliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Lesarten?

Wesentliche Unterschiede im Verständnis des schriftlichen Korantextes oder Widersprüche entstehen durch die verschiedenen Lesarten in der Regel nicht. Die Varianten der Lesarten betreffen überwiegend die Vokalisation, unterschiedliche Konsonanten und Verdoppelungen von Konsonanten, die Aussprache von Hamza und die Buchstaben-Assimilation, sowie die Pausen. Die verschiedenen Lesarten des Korans sind vor allem ein deutlicher Hinweis dafür, dass seit der Frühzeit des Islams Muslime Varianten in der Überlieferung der Offenbarung respektierten und weiter überlieferten, wenn sie sie nicht eindeutig als falsch identifizieren konnten.