Sollen Muslime Sport treiben?

Seit der Entstehung des Islams vor fast 1400 Jahren denken Muslime über die richtige Art und Weise nach, ihren Körper zu trainieren und zu pflegen. Der Prophet Muhammad bewertet Gesundheit und körperliche Fitness als sehr wichtig für den Glauben. Dennoch lehnen zahlreiche fundamentalistische Gelehrte, salafistische Gruppierungen oder Muslimbrüder Sport radikal ab.

Bewegung und Körper im Islam

In Koran und Sunna gibt es regelrechte Anleitungen zur Körperhygiene, Gesundheit und Bewegung, wie z.B. die rituellen Waschungen zum Gebet. Auch das Gebete selbst oder die vielen Aufforderungen, seine Zeit sinnvoll mit Bewegungen zu nutzen, fordern körperliche Aktivität. All dies soll mit dem richtigen Maß geschehen.
So gibt es die Empfehlung, seinen Tag in acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit und acht Stunden für Familie, Kinder und Bildung einzurichten. Ein gesunder Körper, in dem man sich wohlfühlt, führt zu einer positiven Lebenshaltung. Der Mensch ist nach dem Koran selbst für das Wohl seines Körpers verantwortlich.

(Quelle: Dahl. Zum Verständnis von Körper, Bewegung und Sport in Christentum, Islam und Buddhismus. Berlin 2008. S. 193-199)

Sport in Koran und Sunna

In Koran und Sunna gibt es keine Stellen, die sich auf den Freizeit- oder Leistungssport im heutigen Sinne beziehen. Häufig handeln sie von Übungen für den Kampf. So z.B. Sure 8, 60. In den bedeutendsten Hadith-Sammlungen sind zahlreiche Tätigkeiten erwähnt, die heute als Sportarten gelten. In der Zeit der Entstehung dieser Texte vom 7.-10. Jahrhundert sind sie jedoch wichtig für das Überleben im Alltag und während des Krieges.

Zu ihnen zählen z.B.: Bogenschießen, Fechten, Schwimmen, Wurfsportarten, Reiten, Ringen und Jagen. Sie werden als typische „islamische“ Sportarten häufig auch heute erwähnt. Eine saudische Fatwa fügt u.a. auch die Erziehung von Pferden hinzu.

(Quelle: Damir-Geilsdorf, Menzfeld, Pelican (Hg.), Islam und Sport, 2014, S. 8-9)

Sport: eine religiöse Pflicht oder Verführung des Westens

Die Empfehlungen muslimischer Gelehrter zum Sport und Spitzensport bieten ein weites Spektrum unterschiedlicher Meinungen:

Fundamentalistische Gelehrte, wie z.B. einige Wahhabiten, Muslimbrüder und Salafisten lehnen Sport radikal ab: Die Identität der Muslime sei gefährdet. Sport sei ein dekadentes Phänomen des Westens. Muslime werden durch Sport dazu verführt, ihre Glaubenspflichten zu vernachlässigen. Sport sei eine Gefahr für die islamische Kultur und Lebensweise. Muslime müssten sich gegen diese fremde, nicht-islamische Kultur abgrenzen. Nicht nur Sport treiben, sondern auch das Zuschauen sei tabu. Sie lehnen die Fankultur als Vielgötterei (arb. shirk) ab. Medien sollten überhaupt nicht davon berichten.

(Quelle: Dahl. Zum Verständnis von Körper, Bewegung und Sport in Christentum, Islam und Buddhismus. Berlin 2008. S. 199-201, 202-203)

Die überwiegende Mehrheit sunnitischer und schiitischer Gelehrter befürwortet jedoch Sport. Sie betonen die Pflicht der Muslime vor Gott, persönlich für die Gesundheit ihres Körpers verantwortlich zu sein. Außerdem stehen muslimische Eltern in der Pflicht, körperlich starke und gesunde Generationen heranzuziehen.
Ausreichende sportliche Bewegung und gesunde Ernährung sind aktuell ein dringliches Problem in wohlhabenden arabischen Staaten, Saudi-Arabien oder den Golfstaaten.

(Quelle: https://www.zdf.de/politik/auslandsjournal/auslandsjournal-die-doku-116.html)

Während viele Gelehrte die friedlichen Ideale und völkerverbindenden Funktionen des Sports im Sinne der Olympischen Bewegung unterstützen, sehen einige Gelehrte ein extremeres Ziel, das nichts mehr mit dem olympischen Gedanken zu tun hat, sondern eher mit der Lebenswelt vor 1400 Jahren: Yusuf al-Qaradawi verbindet Sport z.B. mit der Vorbereitung zum Kampf für den Dschihad. Vergleichbare Positionen findet man auch in den Statuten des Nationalen Olympischen Komitees des Iran, wo auf die Kampftauglichkeit in der Frühzeit des Islams Bezug genommen wird.

(Quelle: Dahl. Zum Verständnis von Körper, Bewegung und Sport in Christentum, Islam und Buddhismus. Berlin 2008. S. 201)

Regeln für den islamischen Sport

Sunnitische und schiitische Gelehrte empfehlen Regeln, die an Werten des Islams orientiert sind, z.B.: sportliche Fairness, keine schwere Verletzungsgefahr für den Körper, keine schädlichen Mittel, das Wettverbot und die religiösen Pflichten dürfen nicht vernachlässigt werden.

Sehr umstritten sind die Regeln für die Sportbekleidung. Zentral ist der Begriff `arwa, was in diesem Zusammenhang Genitalien oder Scham bedeutet. Hadith-Sammlungen handeln überwiegend von der `arwa des Mannes. Sie betonen, dass Männer vom Bauchnabel bis zum Knie bedeckt sein sollten. Grundsätzlich gilt für Männer und für Frauen, dass sie sich anständig kleiden sollen. Häufig wird auf den Koran verwiesen, wie z.B. Sure 24, 31; 33, 59 und 24, 30.

(Quelle: Dahl. Zum Verständnis von Körper, Bewegung und Sport in Christentum, Islam und Buddhismus. Berlin 2008. S. 221ff.) (Siehe auch: Welche Kleidung muss eine Muslimin tragen? Wie dürfen Musliminnen Sport treiben?)

Allgemein sind Sportarten sehr umstritten, bei denen eine hohe Verletzungsgefahr besteht. Zu ihnen zählen Kampfsportarten und Boxen. Boxweltmeister Muhammad Ali gilt zwar als Leitfigur, aber auch als negatives Beispiel wegen seiner nachfolgenden schweren Erkrankung.

Wichtig ist muslimischen Gelehrten auch das richtige Umfeld. Auch hier gibt es keine einheitlichen Empfehlungen für Bekleidungsregeln oder gemischt-geschlechtliche Sportveranstaltungen. Kritisch wird die Kommerzialisierung, der sog. Medienzirkus und die Technologisierung des Sports gesehen.

Die Mehrheit der Gelehrten empfiehlt daher, auf die jeweiligen Bedingungen zu achten. Sie überlassen es der individuellen Entscheidung des Sportlers und der Sportlerin, wie sie ihre Handlungen vor Gott vertreten können.

(Quelle: Dahl. Zum Verständnis von Körper, Bewegung und Sport in Christentum, Islam und Buddhismus. Berlin 2008. S. 199-201)

Sport und islamische Staaten

Orientiert an diesen Empfehlungen haben Staaten mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung islamische Sportveranstaltungen organisiert, z.B.: die „Islamic Games“ von 1980 in Izmir, die „Pan-Arab Games“, die „Islamic Solidarity Games“ (2006 Saudi Arabien, 2009 Iran) oder die „Islamic Countries Women’s Sports Solidarity Games“.

Diese großen islamischen Sportereignisse sollen die Gemeinschaft der Muslime, ihre Identität und die positiven Werte des Islams stärken. Die Veranstaltungen finden aber auch in enger Zusammenarbeit mit dem Internationalen Olympischen Komitee statt. In diesem Sinne gründeten die beteiligten Staaten auch die Islamic Solidaritiy Sports Federation. An den Sportveranstaltungen dürfen auch Christen und Nicht-Muslime aus den beteiligten Staaten teilnehmen.

(Quelle: Dahl. Zum Verständnis von Körper, Bewegung und Sport in Christentum, Islam und Buddhismus. Berlin 2008. S. 206-208)

Sportunterricht gehört in allen Staaten mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung zum Unterricht. Umfangreiche moderne Sportanlagen findet man ebenfalls in diesen Staaten. Moderne Sportarten, beispielsweise der Fußball, sind auch in islamisch geprägten Ländern sehr populär.

Besonders die Staaten der Golfregion schaffen mit hohen Investitionen Sportanlagen auf internationalem Niveau: Qatar war Gastgeber der Asien Spiele (2006) und bereitet die Austragung der Fußballweltmeisterschaft von 2022 vor. Manama in Bahrain (seit 2004) und Abu Dahbi (seit 2009) sind mit ihren neuen modernen Rennstrecken feste Austragungsorte der Formel 1. Die modernen Sportanlagen in Dubai, insbesondere der Ausbau von „Dubai Sports City“ und die Pferderennbahn sind vorbildlich. Allein diese Staaten haben einen dichten Veranstaltungskalender von sportlichen Großevents.
Hinzu kommt die Öffnung für einen modernen aktiven Lebensstil, z.B. durch den Ausbau von Marinas für Yachten mit einem maritimen Lifestyle.

(Quelle: Krawitz, Bromber, The United Arab Emirates, Qatar and Bahrain as a Modern Sport Hub. In: Bromer, Krawietz, Maguire (eds.): Sport Across Asia. New York 2013)
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