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Warum sind die Koranfunde von Sanaa wichtig?

Im Jahre 1972 entdecken jemenitische Arbeiter in der großen Freitagsmoschee der Altstadt von Sanaa eine Sensation. Sie finden in einem Hohlraum zahllose alte Koranfragmente. Es ist bis heute der größte Fund von alten Koranhandschriften. Sehr wahrscheinlich stammen die ältesten Koranfragmente bereits aus dem 7. Jahrhundert, also dem ersten Jahrhundert der Hidschra. Sie gehören somit zu den frühesten bekannten Zeugnissen von Koranhandschriften weltweit.

Die Rettung der Koranfragmente von Sanaa

Im Herbst 1980 beginnt ein Team von jemenitischen und deutschen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen mit der mühevollen Kleinarbeit an den wertvollen Fragmenten. Neben der Moschee wird das Haus der Handschriften (Dar al-Makhtutat) eingerichtet. Deutschland fördert das Projekt mit etwa 1,1 Millionen DM. Weitere Unterstützung kommt von der UNESCO.

Die Fundstücke werden mit moderner Technik aus Deutschland restauriert und konserviert, damit sie erhalten bleiben. Zudem müssen die Fragmente katalogisiert, digitalisiert und analysiert werden. Neben der Freitagsmoschee von Sanaa, die zu den ältesten Moscheebauten der Welt gehört, entsteht ein mit moderner Technik ausgestattetes Forschungs- und Archivzentrum, das eng mit der bedeutenden Bibliothek der Freitagsmoschee zusammenarbeitet.

Warum lagerten die Korane an diesem Ort?

Sehr wahrscheinlich diente der Ort über Jahrzehnte als ein Lager für gebrauchte und zerschlissene Korane, die nicht mehr benutzt werden konnten. Vermutlich hat man sie aus Ehrfurcht an dieser Stelle in der alten Moschee gelagert und nicht weggeworfen. Denn Koranexemplare gelten als heilig. Sie werden daher sehr respektvoll behandelt.

Die Freitagsmoschee in der Altstadt von Sanaa soll bereits auf persönliche Anordnung des Propheten Muhammad errichtet worden sein. Die große Zahl der Koranfragmente deutet zudem darauf hin, dass dieser Ort vielleicht auch als letzter Aufbewahrungsort für gebrauchte Koranexemplare aus anderen Regionen des Jemens diente. Etwa zweidrittel der Korane stammen aus Jemen.

Wie groß ist der Koranfund?

Etwa 15.000 Pergamentfragmente werden aus dem Hohlraum der Großen Freitagsmoschee von Sanaa geborgen. Es stellt sich heraus, dass die Fragmente zu etwa 950 verschiedene Korankopien gehören. Leider ist kein einziger Koran vollständig erhalten. Manchmal liegt sogar nur ein Blatt vor. Auch die Größe der Korane variiert beträchtlich. Die Blätter der kleinsten Korane sind gerade einmal 4×5 cm groß. Sie zeigen eine bewundernswerte feine Kalligrafie, die trotz der kleinen Schriftzeichen noch sehr gut lesbar ist. Die größten Blätter sind bis zu 45×50 cm groß.

Wie alt sind die Koranfragmente?

Eine genaue Datierung ist leider nicht mehr möglich, da in der Regel das Datum auf den Buchdeckeln oder den Deckblättern verzeichnet wurde. Diese fehlen jedoch. Übliche Techniken zur Altersbestimmung, wie die C14 Methode, ergeben in diesem Fall nur vage Ergebnisse. Der Text und der Stil der Handschriften sind somit für die Fragmente die einzigen Hinweise für eine Bestimmung des Alters. Daraus ergibt sich, das die ältesten Fragmente sehr wahrscheinlich aus dem 7. Jahrhundert stammten.

Gibt es Abweichungen im Text der ältesten Korane?

Alle Fragmente stammen aus der Zeit nach der großen Koranredaktion unter dem dritten Kalifen Uthman (reg. 644-656). Entgegen Gerüchten gibt es keine wesentlichen Abweichungen der gefundenen Fragmente von dem uthmanischen Text, der häufig die Basis für die heutigen Ausgaben ist. Allerdings bleiben in den Texten der frühesten Fragmente noch viel mehr Möglichkeiten zu unterschiedlichen Deutungen offen, da die dort verwendete arabische Schrift (arab. rasm) eher einer Stenografieschrift ähnelt. So sind noch keine Hilfszeichen zur eindeutigen Kennzeichnung der Konsonanten und Vokale eingefügt. Weitere Unterschiede beziehen sich auf orthografische Variationen, die Reihenfolge der Suren und Markierungen von Verstrennern und Gliederungen.