Der Jüngste Tag

Qiyama is coming? Der Jüngste Tag aus theologischer Perspektive

Qiyāma is coming? Der Jüngste Tag aus theologischer Perspektive

Das Ende der Zeiten ist sowohl dem Islam als auch dem Judentum und Christentum bekannt und elementarer Bestandteil des Glaubens. Ein Ende, welches durch den Tag der Auferstehung die letzte Phase der Existenz des Diesseits einläutet.

Im deutschen Sprachkontext ist oft die Rede vom Tag des Jüngsten Gerichts oder verkürzt: Jüngster Tag. Gemeint ist ein unbekannter Zeitraum, in dem die Menschen für ihre Taten auf der diesseitigen Welt Rechtfertigung ablegen müssen und dafür gegebenenfalls mit dem Paradies belohnt oder mit der Hölle bestraft werden.

Im Quran kommt yaum al-qiyāma 70 Mal vor, so zum Beispiel in der Sure 75, die den Namen al-qiyāma trägt. Diese mekkanische Sure hat 40 Verse und beinhaltet viele Ermahnungen und Beschreibungen des Tags der Auferstehung.

Podcast zum Jüngsten Tag

In dieser Folge erklären die Islamischen Theologen Dr. Mohammad Gharaibeh und Dr. Serdar Kurnaz von der Humboldt-Universität zu Berlin, was es mit dem Yaum Al-Qiyāma auf sich hat, welche Rolle er im Koran und dem Glauben spielt und ob man vor dem Jüngsten Tag Angst haben muss – oder auch nicht.

Jüngster Tag im Koran

Der Glaube an den Tag der Auferstehung beziehungsweise das Zurückkehren ist einer der sechs arkān al-ʾīmān, die in der zweiten Sure des Qurans in Vers 285 erwähnt werden. Diese grundlegenden Elemente gehören mit den fünf Säulen des Islams zu den wenigen Themenbereichen, auf die sich fast die Gesamtheit der Muslim*innen in der Vergangenheit einigen konnten und heute noch können.

Lest auch: Dschinn: Glaubensgrundlage, Besessenheit und Aberglaube

Der „Tag der Auferstehung“ selbst soll kein Tag im zeitgenössischen Verständnis sein, der 24 Stunden zählt, sondern unterschiedlichen Lesarten folgend, soll der yaum al-qiyāma 50.000 Jahre andauern. In Sure 70 Vers 4 steht diese Zahl, die in einem von Imam Ahmad überlieferten Hadith so erklärt wurde, dass einem/r Gläubig*en dies lediglich wie die Zeitspanne des Verrichtens eines Pflichtgebetes vorkommt.

Die Vorzeichen des Jüngsten Tags

Ein Tag dessen genaues Datum den Menschen nicht bekannt ist, löst viele Spekulationen aus, doch neben Mutmaßungen gibt es auch in Quran und Sunna eine Menge Hinweise auf den yaum al-qiyāma.

Einige bekannte und zeitgenössisch oft zitierte Beispiele für den „nahenden Tag der Auferstehung“ oder das „baldige Ende des Diesseits“ sind:

  • Ziegenhirten aus der Wüste wetteifern um das Errichten hoher Gebäude (Ṣaḥīḥ Muslim, Buch 1, Hadith 1)
  • wenn Berge Mekkas durchbohrt sind und hohen Gebäude die Gipfel der Berge erreichen (Musannaf Ibn Abi Šaība, Hadith 124)
  • Zeit wird schneller vergehen (Ṣaḥīḥ Buḫārī Vol. 2, Buch 17, Hadith 146)

Was ist bekannt über den Verlauf des Jüngsten Tags?

Viele Theolog*innen haben sich in den vergangenen 1400 Jahren mit dem möglichen Verlauf des Tags der Auferstehung befasst. Genauer mit der Zeit zwischen Diesseits und Jenseits.

Nach Imam ad-Dardir, einem bekannten malikitischen Rechtsgelehrten des 18. Jahrhunderts (12. islamisches Jahrhundert) besteht der yaum al-qiyāma aus acht unterschiedlichen Etappen, die in der Auflistung nicht unbedingt zeitlich geordnet sind, da es unterschiedliche Versionen und Interpretationen dazu gibt:

  • Die Auferstehung (al-Baʿṯ)
  • Die Versammlung (al-Ḥašr)
  • Die Abrechnung (al-Ḥisāb)
  • Die Brücke (aṣ-Ṣirāṭ)
  • Die Waage (al-Mīẓān)
  • Das Wasserbecken des Propheten (al-Ḥauḍ)
  • Die Höllenfeuer (an-Nīrān)
  • Die Paradiesgärten (al-Ǧinān)

Paradies oder Hölle?

Jede Etappe wird bei vielen unterschiedlichen Gelehrt*innen thematisiert und zeigt den angenommenen Ablauf des yaum al-qiyāma. Es ist eine Pflicht für Muslim*innen an all diese unterschiedlichen Aspekte zu glauben, sie gehören zur ʿAqīda, also der islamischen Glaubenslehre. Wie die Auflistung zeigt, ist die Auferstehung nur ein Teil von „qiyāma“. Auf die Auferstehung folgt die Versammlung, in der alle Menschen, die je gelebt haben an einem Ort versammelt werden, ihre Taten im Diesseits mit einer Waagschale „abgerechnet“ werden – je nachdem welche Seite (sprich gute Taten oder Sünden) überwiegt, kann der/die Gläubige über eine Brücke ins Paradies eingehen oder muss (vorerst) in die Hölle, seine oder ihre Strafe aushalten.