Muhammad ibn al-Hanafiyya

Imam Muhammad ibn al-Hanafiyya (633-700) ist der dritte Sohn des vierten Kalifen und Imam Ali ibn Abu Talib (gest. 661). Seine Mutter, Khaula bint Jafar, stammte von den Banu Hanifa, die sich nach dem Tode des Propheten Muhammad weigerten, das Bündnis mit den Muslimen fortzuführen. Während der Ridda-Kämpfe wurden die Banu Hanifa besiegt, ihre Männer von den Muslimen getötet und ihre Frauen und Kinder versklavt. So kam Khaula bint Jafar als Sklavin nach Medina, wo Ali ibn Abu Talib sie kaufte, aus der Sklaverei befreite und sie schließlich nach dem Tode seiner Frau, der Prophetentochter Fatima heiratete. Khaula bint Jafar und Ali ibn Abu Talib hatten ein einziges Kind, Muhammad ibn al-Hanafiyya.

Muhammad ibn al-Hanifyya und seine Unterstützung für seinen Vater Ali

Muhammad ibn al-Hanafiyya wird in muslimischen Quellen für seinen Mut in der Schlacht, seine Frömmigkeit und seine Treue zu seinem Vater Ali ibn Abu Talib gerühmt. Während der Herrschaft seines Vaters als vierter Kalif war Muhammad einer seiner vier Heerführer und zeigte beispielsweise große Tapferkeit in der schicksalsreichen Schlacht von Siffin im Jahre 657 gegen die Armee des umayyadischen Statthalters von Damasukus Muawiya (gest. 680).

Als sein älterer Bruder, Imam al-Husayn (gest. 680) nach Kerbela aufbrach, soll er ihm von dem aussichtslosen und gefährlichen Unternehmen abgeraten haben. Seinen Rat, stattdessen nach Jemen zu reisen, um dort eine schlagkräftige und zuverlässige Armee aufzustellen, befolgte Imam al-Husayn nicht.

Nach seinem Todbei Kerbela war Imam Muhammad al-Hanafiyya die ranghöchste Persönlichkeit, die den Familienzweig der Nachfahren von Fatima und Ali repräsentierte und damit auch der höchste Repräsentant der schiitischen Bewegung.

Muhammad ibn al-Hanafiya als führender Alide

An den Rebellionen schiitischer Bewegungen im Irak beteiligte sich Imam Muhammad ibn al-Hanafiya nicht mehr, obwohl er immer wieder aufgefordert wurde, die Führung im Kampf gegen die Umayyaden zu übernehmen und die Herrschaft der Aliden als rechtmäßige Kalifen durchzusetzen. Er distanzierte sich zum Beispiel deutlich von dem Aufstand des al-Mukhtar (gest. 687) in Kufa, der für ihn sogar einen geschmückten Thron in Abwesenheit in Kufa errichtet hatte. Er wurde von den Aufständischen in Kufa als „Mahdi“ bzw. als „der Rechtgeleitete“ (arab. al-mahdi) verehrt, der bald kommen werde, um die „Irregeleiteten“, d.h. die Umayyaden und eine weitere Bewegung eines Gegenkalifats in Mekka zu besiegen. Imam Muhammad al-Hanafiyya distanzierte sich deutlich von den Ereignissen und schwor dem siegreichen Kalifen der Umayyaden Abd al-Malik ibn Marwan (gest. 705) den Treueeid in Damaskus.

Bis zu seinem Tode im Jahre 700, lebte Imam Muhammad al-Hanafiyya in Medina, ohne sich politisch zu betätigen. Trotz seiner Zurückhaltung und Distanzierung entwickelten die sich neu herausbildenden schiitischen Strömungen im südlichen Irak um den vierten Imam Muhammad al-Hanafiyya mythisch verklärende Lehren von der Wiederkehr als Mahdi bzw. als umfassender Retter, der die erfahrenen Niederlagen korrigieren werde. Als wahrer Imam sei Muhammad al-Hanafiyya beispielsweise nicht gestorben, sondern nur entrückt bzw. abwesend (arab. ghaiba) und lebe bis zu seiner Wiederkehr (arab. radsch‘a) im Verborgenen. Imam Muhammad al-Hanafiyya nimmt seitdem als zentrale Figur dieser Lehre eine bedeutende Stellung in der Literatur um das Thema Mahdi ein.