Jahiliyya

Das Wort Jahiliyya kommt von der arabischen Wortwurzel „j-h-l“, deren Grundbedeutung die Unwissenheit ist [1]. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff die vorislamische Zeit des altarabischen Heidentums. Im Allgemein wurde der Begriff von traditionellen muslimischen Gelehrten für die Zeit vor der Offenbarung an den Propheten Muhammad genutzt, als „Zeit der Unwissenheit bzw. Barbarei“[2].

Der weltberühmte Gelehrte Tahir ibn Ashur (gest. 1973) befand, dass das Wort Jahiliyya eine Neuschöpfung des Koran zu sein scheint, da das Wort anscheinend erst im Koran selbst auftaucht [3]. Beispielsweise kommt vor im Vers:

„Begehren sie denn den Schiedsspruch der Zeit der Unwissenheit? Wer kann denn wohl besser als Gott richten, für Menschen, die Gewissheit haben?“ [4]

Es gibt zeitgenössische Forscher die sagen, dass Jahiliyya grundsätzlich jedes extreme Verhalten meint [5].

Wie der Begriff „Jahiliyya“ weiterverwendet wurde

Im 19. und 20. Jahrhundert hat dieser Begriff – u.a. bei Sayyid Qutb – weite Verbreitung gefunden, um damit den generellen Zustand der muslimischen Glaubensgemeinschaft zu beschreiben.

Muslimische Extremisten verwenden es häufig pauschal um Muslime und muslimische Gesellschaften zu verurteilen. Auffällig dabei ist, dass sie häufig alles negative als „jahili“ bezeichnen, wie auch, dass die Jahiliyya nur negative Seiten hätte. Dabei blenden sie aus, dass der Islam durchaus auch Traditionen der Jahiliyya akzeptierte und übernahm, wie z.B. Edelmut, Gastfreundschaft und Tapferkeit [6]. Darüber hinaus beschränken einige von ihnen den Begriff auf Herrschaft: Jahiliyya sei die Herrschaft von Menschen, der Islam aber sei die bloße Herrschaft von Gott [7].

Bei Muslim – der das zweitwichtigste Hadith-Werk der Sunniten verfasste – findet sich eine Überlieferung des Propheten Muhammad, in welcher er sagt: „Wenn jemand sagt: „Die Menschen sind zugrunde gegangen [d.h. verdorben], so ist er der am meisten zugrunde Gegangene [d.h. der meisten Verdorbene].“[8]

Hieraus verstehen die Gelehrten vor allem, dass man höchst vorsichtig im pauschalen Urteil über die Menschen sein sollte: Wenn man aus Trauer und Verzweiflung über sich selbst und andere gleichermaßen urteilt und die Situation betrauert, sei dies (unter Umständen) in Ordnung. Wenn jedoch die Gesellschaft pauschal verurteilt wird und man sich selbst als besser und vollkommener sieht, sei man selbst viel eher von der Verdorbenheit befallen. Schließlich sei dies ein Akt der Selbstherrlichkeit und führe zu Arroganz und Hochmut [9].

Quellen:

[1] Vgl. al-Asfahani: Mufradat al-Qur’an (2014), S. 109.

[2] Vgl. Ibn ‘Atiyya: al-Muharrar al-Wajiz (2016), Bd. 4, S. 384.

[3] Vgl. Ibn Ashur: at-Tahrir wa-t-Tanwir (1997), Bd. 4, S. 136.

[4] Koran Sure al-Ma’ida 5:50, Übersetzung: Harmut Bobzin.

[5] Vgl. Shepard: Sayyid Qutb’s doctrine of jahiliyya (2003), S. 522.

[6] Vgl. Afsaruddin: The „Islamic State“: Genealogy, Facts, and Myths (2006), S. 167f.

[7] Vgl. Lacroix, Stéphane, “Ḥākimiyya”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE. Zuletzt online abgerufen am 18. November 2018: http://dx.doi.org/10.1163/1573-3912_ei3_COM_30217.

[8] Vgl. Muslim im „Sahih“, Hadith-Nr. 2623.

[9] Vgl.an-Nawawi: al-Minhaj (1930), Bd. 16, S. 175f.