Gibt es den Koran auf Deutsch?

Der Koran ist das heilige Buch des Islams. MuslimInnen verstehen ihn als reines göttliches Wort, das dem Propheten Muhammad offenbart wurde. Die arabische Reimsprache des Korans gilt MuslimInnen dabei als so wunderschön, dass sie nicht menschlichen, sondern nur göttlichen Ursprungs sein kann. Der Koran wurde vor allem mündlich verkündet, die Schrift diente eher als Gedächtnisstütze. Noch zu Muhammads Lebzeiten schrieben die ersten Muslime einige Koranverse auf. Nur einige Jahre nach Muhammads Tod existierten bereits mehrere Versionen, die sich teils erheblich voneinander unterschieden. 1923/24 veröffentliche die Azhar-Universität in Kairo eine einheitliche Version, nach der sich heute die meisten gehandelten Koranausgaben richten.

Nach traditioneller islamischer Auffassung ist eine Übersetzung des Korans in andere Sprachen im Grunde unmöglich, da jede Übersetzung eine Interpretation und damit eine Verfälschung des göttlichen Wortes ist. Da viele MuslimInnen jedoch keine arabischen MuttersprachlerInnen sind, greifen überall auf der Welt Gläubige auf Übersetzungen zurück – natürlich auch auf deutsche.

In Deutschland hat man schon vor einigen Hundert Jahren begonnen, den Koran zu übersetzen, wobei unterschiedliche Motive eine Rolle spielten. Leider dominierten über viele Jahrhunderte Motive der Konfrontation zwischen Christentum und Islam die Übersetzungsarbeiten im christlich geprägten Europa. Die ersten Koranübersetzungen in europäische Sprachen waren daher auch von Interessen geprägt, den Islam zu widerlegen oder eine Mission von Christen unter Muslimen zu fördern. Erst allmählich setzte sich unter nichtmuslimischen Übersetzern ein Zugang zum Koran durch, der von einem reinen Interesse an der anderen Religion und der Berücksichtigung von wissenschaftlichen Kriterien geleitet ist. Die folgende Liste stellt euch die wichtigsten deutschsprachigen Koranübersetzungen von Muslimen und Islamwissenschaftlern vor:

Der Dichter und Orientalist Friedrich Rückert (gest. 1866) war einer der ersten in Deutschland, der die arabische Sprache und Literatur erforschte. Für ihn war es wichtig, die sprachliche Schönheit der Reimprosa des arabischen Textes auch in der deutschen Sprache zur Geltung zu bringen. Seine Arbeit blieb jedoch unvollendet und wurde später von Hartmut Bobzin wieder aufgegriffen.

1901 gab Max Henning (gest. 1927) einen Koran mit einem ausführlichen Register heraus. Seine Übersetzung galt lange Zeit als die zuverlässigste deutschsprachige Ausgabe des Korans. Die berühmte deutsche Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (gest. 2003) war an der Neuausgabe von Hennings Übertragung für den Reclam Verlag 1960 beteiligt.

1916 erschien die Übertragung des Korans ins Deutsche von Lazarus Goldschmidt.

1938 veröffentlichte der Imam der Berliner Moschee, Maulana Sadr-ud-Din (gest. 1981), für MuslimInnen in Deutschland eine deutschsprachige Koranausgabe. Er vertrat die im britisch-indischen Lahore (heute Pakistan) gegründete Ahmadiyya-Bewegung.

1954 veröffentlicht Mirza Bashir ud-Din Mahmud Ahmad (gest. 1965), der ebenfalls der Ahmadiyya-Bewegung angehörte, eine Koranausgabe, die mehrfach neu bearbeitet wurde.

1966 veröffentlichte Rudi Paret (gest. 1983) eine zweibändige Koranausgabe mit Kommentar, die als eine bedeutende wissenschaftliche Übertragung des Korans in die deutsche Sprache gilt.

1986 gab Muhammad Ahmad Rassoul (gest. 2015) aus Köln im „IB Verlag Islamische Bibliothek“ eine Koranausgabe heraus. 2011 ist der Text von Rassoul für die salafistische Koranverteilungskampagne „Lies“ verwendet worden.

1996 veröffentlichte Ahmad von Denffer als erster deutschsprachiger Muslim eine Übertragung des arabischen Korans in Deutsche.
1997 erschien in München ein Gemeinschaftswerk von Muslimen der dortigen Moschee in fünf Bänden: Die Bedeutung des Korans: Arabischer und deutscher Text, ergänzt durch zahlreiche Anmerkungen aus Kommentaren.

2003 hat Hans Zirker eine Koranübertragung herausgegeben, die wissenschaftlich den neuesten Stand der Forschung repräsentiert. Sie ist mittlerweile mehrfach neu aufgelegt worden.

2004 veröffentlicht Adel Khoury eine kommentierte Koranausgabe, die im Jahr 2007 neu aufgelegt wurde.

2008 gaben die beiden Wissenschaftlerinnen Lamya Kaddor und Rabeya Müller eine Übertragung koranischer Texte in einer kind- und jugendgerechten Sprache heraus.

2009 veröffentlichte Ahmad Milad Karimi eine nach wissenschaftlichen Kriterien erarbeitete Übertragung des Korans, die gleichzeitig die sprachliche Kraft des arabischen Korans auch in deutscher Sprache wirksam werden lässt.

2010 erschien die Übertragung des Korans von Hartmut Bobzin. Sie erfüllt wissenschaftliche Standards. Darüber hinaus versucht Hartmut Bobzin, die sprachliche Schönheit, Poesie und Ästhetik des arabischen Textes für deutsche LeserInnen zu vermitteln.

Seit 2007 wird in dem interdisziplinären Langzeitprojekt „Corpus Coranicum“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, das von der deutschen Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth geleitet wird, ein umfangreicher Kommentar zum Koran in mehreren Teilbänden erarbeitet. Ziele des Projekts sind vor allem eine Dokumentation des Korantextes „in seiner handschriftlichen und mündlichen Überlieferungsgestalt“ sowie die Verknüpfung von einzelnen Koranstellen mit jüdischen, christlichen und anderen korrespondierenden Texten aus dem Umfeld des Korans.

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